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Economiesuisse - Propaganda auf Kosten der Armen

Offener Brief an economiesuisse

von: Leonhard Fritze, 8228 Beggingen
an: economiesuisse - Verband der Schweizer Unternehmen
Sehr geehrter Herr Dr. Gentinetta

Den Medien habe ich gestern die Mitteilung " Wohlstand und Solidarität dank attraktivem Steuersystem entnommen. "Der Staat wird mehrheitlich von einer Minderheit finanziert" - ist eine wesentliche Aussage daraus.

Nun würde mich noch interessieren, wie es mit der Verteilung des Einkommens ausschaut. Die Armut nimmt zu - und der Reichtum auch. Immer mehr Menschen in der Schweiz arbeiten immer länger, um die Armutsgrenze zu erreichen. Ein vierköpfige Familie (2 Eltern, 2 Kleinkinder) bringt es somit schon mal auf 300% Arbeitsleistung, vgl. www.abstellgleis.ch

Dieser schwelende Verteilungskonflikt ist alles andere als solidarisch. Wenn Arbeit sich nicht mehr lohnt und nicht mehr zum Leben reicht, reicht es ja auch nicht mehr zum Steuern zahlen und zum "Staat finanzieren". Die Working poor bringen ihre Arbeitsleistung somit zum Wohle der immer reicher werdenden Reichen. "Den Staat finanzieren" ist das eine - mit Fronarbeit das Einkommen der Reichen zu vermehren, ist das andere.

Wirtschaftsverbände haben naturgemäss den Fokus wohl kaum darauf gerichtet, derartige Missstände zu thematisieren und anzugehen. Die Politik als Exekutive der Wirtschaft übernimmt diese Optik notgedrungen. "Die rechte Studie zur rechten Zeit..."
Working poor und Arbeitslosigkeit können zu Burn-out führen, zu gesundheitlichen Einschränkungen und finalen Handicaps. Dafür wiederum kommt die Allgemeinheit auf. Bald wird deshalb bestimmt der Ruf laut werden, das Gesundheitssystem - und das Sozialwesen insgesamt - würden nur durch wenige Gutverdienende finanziert.

Ich wäre sehr glücklich, wenn Economiesuisse sein Gewicht einwerfen würde dafür, dass sich nicht eines sehr nahen Tages die Superreichen auf die Schultern klopfen und sagen: "Nur wir allein finanzieren den Staat!"

Wenn der Staat von einzelnen wenigen finanziert wird, steigt auch das Klumpenrisiko exponentiell, sodass der Staat dieser kleinen Minderheit restlos hörig wird und dann gar nicht mehr sozial sein kann bzw. darf.
Würden gerechte Einkommen in der Schweiz (in der Schweiz, nicht in Lateinamerika und nicht über Havelaar) realisiert, hätte man einerseits die Gefahr einseitiger Staatsfinanzierung gebannt, andererseits würden Entscheidungsträger, Regierende sowie Kapazitäten aus Wirtschaft und Finanz tendenziell glaubwürdiger. Vertrauen würde wieder hergestellt. Vertrauen ist eine wesentliche Basis für den sozialen Frieden. Vertrauen ist ein Produktionsfaktor.

Die Spirale dreht sich immer enger. Jeder muss sich die Frage selber beantworten, unter welcher Perspektive er steht und in welche Richtung er dreht.
Die heutige Situation in der Schweiz erinnert zu stark an die Schattenseiten der Kolonialherrschaften von einst. Muss man wirklich aufrichtig dankbar sein, wenn Kolonialherren sich solidarisch zeigen mit den arbeitenden Untertanen?

Ich bin sicher, dass sich noch redliche Menschen oder gar Volks-Vertreter finden, die diesen Abwärtsdrall erkannt haben und ihn zu bekämpfen im Stande und Willens sind.

Vielen Dank für Ihre Kenntnisnahme und mit freundlichen Grüssen

21. August 2007, Leonhard Fritze