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Essay über den Weltpolizisten USA

Der Weltpolizist (Globocop)

Nach dem Einmarsch im Irak - und trotz des dortigen Debakels - planen die
USA bereits neue Kriege. Sie haben in ihrer Geschichte rund 200 Angriffskriege gegen böse Mächte geführt. Wenn die USA heute nach einer „Achse des Bösen“ suchen, sollten sie in den Spiegel schauen. Mit diesem Essay versuchen wir, ihnen dabei zu helfen.

Es sitzen über zwei Millionen US-Bürger im Gefängnis. 60 der rund 280 Millionen
US-Bürger können nicht richtig Lesen und Schreiben. Die Masse der Bevölkerung
verarmt immer schneller. Zwischen 1976 und 2002 sind in den USA 723 Menschen
hingerichtet worden, davon 274 in Texas. Kaum ein Tag vergeht ohne Amokläufe.
In US-Haushalten lagern Millionen Schusswaffen. Psychopathen zielen aus
Verstecken wahllos auf Passanten. Verwesende Kultur wird von der Werbung in
bunte Bilder verwandelt.

American Psycho nennt sich der symbolhafte Roman, in dem ein Börsengewinnler in ultimativen Klamotten junge Frauen tötet und verschlingt. Die Vielfalt des Lebens wird durch das Ranking reduziert. Ein jedermann will in irgendeiner Disziplin des
Schwachsinns die Nummer Eins sein. So genannte Prominente werden zu neuen
Göttern erhoben. Die USA sind zu einem Imperium der Unnotwendigkeiten ge-
worden. Eine riesige Industrie produziert pausenlos neue Spielarten der Nutz-
losigkeit. Die Hohepriester des Trends erfinden jeden Tag die Welt neu, um die
Menschen von der grössten Sünde, den eigenen Gedanken, zu bewahren. Einge-
kesselt von Klimbim wird der Mensch zum kaufenden Affen degradiert: Shop until
you drop!
So heisst die Parole der Demenz. Kaufe, bis Du umfällst! Grinsende
Konzernchefs verkünden auf Titelseiten die Religion des Mammons. Kritisch-
intellektuelle Zeitschriften sind verschwunden. Freunde der grossen Oberweite
können mittlerweile aus mehreren Hochglanzblättern auswählen. Die Fans der
Tätowierung und der Selbstverstümmelung haben ihre eigenen Fanzine. Freaks jeder Sorte haben ihre Zentralorgane abonniert. Durch die Mergermania und die
Zusammenballung des Medienbesitzes entscheiden immer weniger Tyconns, was
gedruckt und gezeigt wird: Vorwiegend Konsum von Unnotwendigkeiten, Ver-
brechen und Sexualität in einer Endlosschleife. Ungeheure Massen elektronischer
Fäkalien werden abgesondert, um das Leben zu einem einzigen Spektakel, zu
einem Hit oder zu einem Event zu verformen. Die USA werden immer mehr zu
einem Vorhof der Hölle, in dem immer mehr Geschädigte die düstere Glorie
bizarrer Selbstverwirklichung suchen. Hinter Internet-Portalen breitet sich eine
Landschaft sexueller Perversionen aus. Videospiele lehren das Töten und
Schlachten von Menschen. Obszöne Kulte feiern schaurige Rituale. Snuffer
und Splasher zersägen und zerstückeln ihre Opfer und machen mit Videos
Profite.
Der innere Zerfall der USA in ein Chaos von Bizarroiden beschleunigt sich im
Widerspruch zu den Neokonservativen und neuen Theokraten, die hinter der
Regierung Bush jr. stehen. Das Paradoxon der USA besteht darin, dass religiöse
Fundamentalisten und Konservative über einer explodierenden Buntität des
Nicht-fundamentalen, des Nebensächlichen oder Nicht-Eigentlich-Seienden
regieren. Die Metaphysik Hollywoods lässt die innere Sendung der USA als
Manifest Destiny Metastasen schlagen. Das Bunte wird aller Orten immer dicker.
Spasskultur wuchert mit automatischem Gelächter aus den Sitcoms des US-
Fernsehens, um sofort in Europa kopiert zu werden.

Charles und Mary Beard beschreiben in American Spirit die Debatte darüber, ob
die USA überhaupt Kultur, eine andere oder gar eine übergeordnete Kultur ent-
wickelt hätten. Der Brite Matthew Arnold meinte (Civilisation in the USA, 1888), die
amerikanische Kultur sei uninteressant. Kultur entspringe der Schönheit und
Unterschiedlichkeit. Beide seien in den USA nicht anzutreffen. Hier regiere die
Respektlosigkeit, die Sucht nach Bequemlichkeit, Prahlerei und falsche Kühnheit.
Andre Siegfried (America Comes of Age, 1927) sah materielle Vorteile und
Uniformität
als treibende Kraft einer von Europa geschiedenen, neuartigen
Mischkultur. Der deutsche Soziologe Richard Müller-Freienfels (Mysteries of the
Soul, 1929
) stellte in den USA eine Gynokratie oder Frauenherrschaft fest. Es
herrsche die Diktatur des Praktischen. Wenn man eigene Ideen äussere, werde
man zum Outcast. Lucien Romier (Who will be Master?, 1928) sah in der
Vermeidung des Denkens und der Theorie die Quelle des amerikanischen
Aktionismus. In der Geschichte der USA wäre auch alles sehr schnell gegangen.
Der Kampf um Geld und Status habe zur Kolossalität geführt. Die USA seien
eine Nation, die sich durch das Geld definiere. Albert Einstein sprach vor seinem
US-Exil von geistiger Armut. Und der Naturapostel Henry Thoreau (Walden)
meinte humorig, kulturell seien die USA ein Zwerg, doch könne man ihnen nicht
verbieten, der grösste aller Zwerge zu werden.

Ausgerechnet Präsident Bush sen. musste ausrufen: Wir haben die Welt mit
unserer Kultur erleuchtet!
Die USA haben vor allem in der Philosophie kaum grosse Denker hervorgebracht. William James, John Dewey, Ralph Emerson oder
Richard Rorty können nur schwerlich mit ihren europäischen Zeitgenossen wie
Heidegger, Wittgenstein oder Sartre verglichen werden. Cogito, ergo sum! ist in
den USA durch den Grundsatz Consumo, ergo sum! abgelöst worden: Creditcard
statt Descartes!
In der Lyrik haben Walt Whitman (Leaves of Grass) und Ezra Pound (Cantos) internationale Anerkennung. Es mag als ein Symbol gelten: Die
US-Armee hat den Sänger der Cantos, der in Italien gelebt hatte und für Mussolini
eingetreten war, in Pisa wie ein Tier in einen Käfig gesperrt und öffentlich aus-
gestellt. Im Roman ist den USA seit Scott Fitzgerald, Tom Wolfe, William Faulkner,
John Steinbeck und John Dos Passos kaum mehr Grosses gelungen. Solche Wertungen mögen subjektiv sein, doch stellt die Literaturkritik James Joyce, Marcel
Proust und Robert Musil weit über Mark Twain, Hermann Melville oder Ernest
Hemingway. Im Showbusiness und in der Wissenschaft vom Geld nehmen die USA
den ersten Rang ein. In der Musik haben sie die Welt mit Jazz und dem Musical
durchaus bereichert. Künstlerisch wertvolle Filme, die etwa mit den Werken
Fellinis, Resnais, Godards oder Antonionis vergleichbar wären, sind in Hollywood
nie gedreht worden. Bei Massenszenen und bei technischen Tricks sind die grossen
Studios nicht zu übertreffen. Heute werden im Zuge der allgemeinen Infantilisierung
viele Kinder-, Märchen- oder Animationsfilme produziert und auch weltweit verkauft.
Die TV-Kriminalserie CSI oder Actionfilme werden mit Spezialeffekten derart
zugelötet, dass die Handlung unverständlich bleibt.

Unverständlich aber bleibt den Amerikanern die Existenz ausserhalb des
Amerikanertums. Im Ausland, meinen sie, leben zu viele Ausländer. Auf Reisen
oder als Besatzer staunen die Amerikaner immer wieder über die seltsamen Sitten
und Bräuche der Natives. Sie verstehen nicht, dass Ausländer so bleiben wollen
wie sie sind. Die Vereinigten Staaten haben daher ihre besondere Kultur nach
1945 mit staatlicher Förderung nach aussen projiziert. 1955 waren in Europa
200 Amerika-Häuser aktiv. Die staatliche Cocacolonisierung durch US-Offiziere
konnte bald eingestellt werden, da eine Selbstkolonisierung begann. Ein rätselhafter
Trieb zur Nachahmung hat die Welt befallen. US-Musik, Fast-Food, die Comics, Hollywood-Filme und die Eventkultur haben einen weltweiten Siegeszug ange-
treten. Entertainment, Infotainment und Tititainment regieren auf europäischen
Fernsehkanälen. Es herrscht Gedränge vor den Toren Disneylands und vor den
Kinokassen der Gewaltverherrlichung. Der Slang der USA wird Weltsprache. Ihre
retrograde Sumpflandschaft hat sich auch ohne Dauerfeuer durch Rambo ausge-
dehnt. Die Macdonaldisierung der Welt scheint eine resignierende Einsicht in die
Gesetze der Macht zu befestigen: Man kann nichts dagegen tun! Geld regiert die
Welt! Globalisierung als maskierte Amerikanisierung ist unaufhaltsam! Superman
ist ein Naturgesetz! Unter der Chiffre 9/11 (11.9.2001) sollen von Mickey Mouse
und Dagobert Duck gewonnene Positionen vom einschwebenden Superman zu
einem American Empire befestigt werden.

Es erlauben viele Anzeichen die Annahme, dass eine Gegenoffensive in Gang
gekommen ist. Eine neue Protestgeneration zielt mit der Parole: No Logo! ins
Herz der Finsternis. Die verteuerten Produkte jener US-Firmen, die besonders
aufdringlich werben und meist in der Dritten Welt zu Hungerlöhnen arbeiten
lassen, sollen auf keinen Fall gekauft werden. Nicht mehr einkaufen bei den
Globalkonzernen! Die Tyrannei der Logos und der Labels ins Leere laufen
lassen! Die von US-Firmen produzierte Lawine der gestylten Unnotwendigkeiten
ins Defizit stürzen lassen! Nur Notwendiges kaufen! Vorbeigehen am Glitzer der
McWorld! Denken, Nachdenken, Fragen und Philosophieren sind hier das erste
Gebot. Die internationale Koalition des No Logo belagert zuverlässig alle
Gipfelgespräche des Konsumwahns. Mit aller Vorsicht und mit Tarnkappen auf
dem Kopf richten auch andere Kräfte das bisher gekrümmte Rückgrat auf. Das
Vereinigte Europa mag vorerst zwischen Kopfnicken und Kopfschütteln schwanken.
Russland und China sind Meister der Vorsicht und Überlegung. In Lateinamerika
bildet sich mit Venezuela, Bolivien und Peru an der Spitze eine antiamerikanische
Front. Des islamische Fundamentalismus greift frontal an. Die Kriege und
Aggressionen der USA haben sich parallel zu einem Prozess beschleunigt, in dem
das Weisse Haus immer mehr zu einer Filiale des militärisch-industriellen Komplexes
geworden ist. Das war immer schon so, mag eingewendet werden, doch so eng
und innig lag man noch nie im Bett zusammen.

Die USA haben nach dem Sezessionskrieg ein System entwickelt, in dem die
Plutokraten als wahre Machthaber an obersten Staatsämtern nicht interessiert
waren. Vielmehr installierten sie in den Parteimaschinen Vertraute, die dann die
Wahlkämpfe austragen durften. Mehrmals hat die Plutokratie ihre Kandidaten
zugleich in die Republikanische und Demokratische Partei entsandt. Wer auch
immer gewählt wurde, blieb so seinen Meistern verpflichtet. Schon McKinley und
Taft waren als Ölpräsidenten bezeichnet worden, weil Standard Oil ihre Wahl-
kämpfe behalt und Einfluss ausgeübt hatte. Präsident Warren Harding etwa galt
als Mann der Rockefellers, während sein Vize und Nachfolger Calvin Coolidge
ein Vertrauter der Morgan-Gruppe gewesen war. Der Alkoholiker Harding
erschien derart schwach, dass mit Andrew Mellon erstmals ein Mann des
Kapitals aus dem Schatten trat und Finanzminister wurde. Er blieb es unter
Coolidge und Hoover. Mit einigem Recht konnte er später sagen: Drei Präsidenten
haben unter mir gedient!
Hatten früher teilweise konkurrierende Bankgruppen und
das Big Oil das Weisse Haus beschickt, so verschmolzen sie durch Kriege und
Interventionen mit den grossen Rüstungs-, Elektronik- und Baufirmen zu einem
militärisch-industriellen Komplex, der heute oft in virtuellen Zentren haust und
weltweite Netze auswirft. Derzeit arbeiten in den USA über 30 Millionen Menschen
für den Komplex mit seinen grossteils unbekannten Kapazitäten. Zwei Drittel des
Verteidigungsbudgets von rund 400 Milliarden samt verhüllter Ausgaben gehen
an den Komplex und seine unüberschaubaren Filialen. Zwischen seinen Chefetagen,
dem Pentagon und dem Weissen Haus herrschen Fluktuation und ein lebhafter
Austausch von Säften. Pensionierte Generale und Admirale mit Insiderwissen
werden meist von Rüstungsfirmen in den Vorstand übernommen. Umgekehrt
übersiedeln viele Rüstungsmanager als Minister oder hohe Beamte in die Politik.

Diese Kohabitation hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg intensiviert. Der US-
Hochkommissar für Deutschland, General John McCloy, wurde später Vorsitzender
der einflussreichen Ford-Stiftung. Der Präsident der Rockefeller-Stiftung, John
Forster Dulles, war zuerst Vorstand der United Fruit gewesen und dann Aussen-
minister geworden. Eisenhowers Stabschef, Walter Bedell Smith, wurde nach
1945 US-Botschafter in Moskau, CIA-Chef und Unterstaatssekretär. Dann wurde
er Chef des politisierenden Bananenkonzerns der United Fruit. Präsident Truman
ernannte mit James Forrestal den Präsidenten der Dillon-Bank zum Verteidigungs-
minister. Eisenhower nahm sich mit Charles Wilson den Chef von General Motors
in diese Funktion. Luftwaffenkommandant General James Doolittle wurde nach
der Kapitulation Japans Vizepräsident von Shell. Der Befehlshaber der US-Armee
in China, General Wedemeyer, avancierte zum Präsidenten der Fluggesellschaft
AVCO. Der Nachfolger MacArthurs im Koreakrieg, General Ridgeway, wurde nach
1953 zum Vorsitzenden des Mellon Institute for Industrial Research berufen.
Admiral Radford ging zu Philco, Admiral Carnay übernahm die Werften von Bath
Iron. Admiral Kirk wurde Chef des Mercast-Konzerns, während General Quesada
bei Lockheed Platz nahm. Lockheed allein hatte in den Sechziger Jahren 21
ehemalige Admiräle und Generale angestellt. Bei General Dynamics strichen im
gleichen Zeitraum 187 ehemalige Militärs Gehälter ein. Unter Reagan waren hohe
Beamte durchschnittlich zwei Jahre im Amt, um dann in die Wirtschaft zu wechseln.
Verteidigungsminister Caspar Weinberger kam vom Bauriesen Bechtel, der auch
Aussenminister George Shultz beschäftigt hatte.

Michael Moore hat in Stupid White Men die Verzahnungen unter Bush jr. als eines
Abgesandten texanischen Öls dargestellt:

1. Vizepräsident Dick Cheney war Bushs seniors Kriegsminister. In den Clinton-
Jahren war er von 1992 bis 2000 Chief Executive Officer (CEO) des Ölkonzerns
Halliburton.
2. Finanzminister Paul O’Neill war CEO des Aluminiumkonzerns Alcoa.
3. Handelsminister Don Evans: CEO der Ölgesellschaft Brown Inc.
4. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: CEO der Pharmafirma Searle und
bei Motorola.
5. Stabschef Andrew Card: CEO der Vereinigten Autohersteller.
6. Berater Kenneth Lay: CEO beim Energiekonzern Enron.
7. Ex-Aussenminister Colin Powell sass im Vorstand von Gulfstream und von
AOL/Time-Warner.
8. Aussenministerin Condoleezza Rice: Vorstand des Ölriesen Chevron.
9. Arbeitsministerin Elaine Chao: Vorstand von Dale Food und Clorox.
10. Agrarministerin Ann Veneman: Vorstand der Biotechfirma Calgene.
11. Justizminister John Ashcroft: Wahlkampfgelder von Genkonzern Monsanto
und Pharmariesen Schering.
12. Energieminister Spencer Abraham: Wahlkampfgelder von Daimler/Chrysler.
13. Gesundheitsminister Tom Thompson: Geld vom Tabakriesen Philip Morris usw.

Die Folgen dieser Verflechtung laut solider Recherchen von Moore in US-
Wirtschaftsmagazinen: Seit 1979 ist das Einkommen von einem Prozent der US-
Bürger um 157 Prozent gestiegen. Die Gewinne der 200 grössten Konzerne habe
sich seit 1983 um 362 Prozent erhöht. Die grössten Profite machten jene Konzerne,
die Minister und Berater als CEOs oder im Vorstand gehabt hatten. 44 der 82
grössten Konzerne zahlten Steuern unter dem Normalsatz von 35 Prozent. 14
Grosskonzerne und 1279 kleinere Konzerne gaben fehlendes Einkommen an
und bezahlten überhaupt keine Steuern.

Die Kette der Kriege gegen von vornherein unterlegene Staaten begann zur
gleichen Zeit wie der Abstieg der USA als ökonomisch beherrschende Weltmacht.
Die USA waren schon vor dem Zusammenbruch der UdSSR von einem imperial
overstretch,
von einer imperialen Überdehnung, betroffen. Sie hatten die UdSSR
mit einem Ring von Basen, Truppen oder auch abhängigen Staaten umgeben und
einen Rüstungswettlauf mit Moskau begonnen. Die Frage, ob die USA mit ihrer
Rüstung das Ende des Kommunismus bewirkt haben, ist umstritten. Tatsache ist,
dass nach dem Ende der Sowjetmacht die Überdehnung nicht abgebaut, sondern
erweitert wurde. Die Rüstungsausgaben sind erhöht worden, obwohl kein echter
Feind am Horizont erscheinen wollte. Da von Moskau keine Bedrohung mehr
ausging, schienen die USA als Schutzherr der Demokratien überflüssig geworden
zu sein. Sie hätten als Weltpolizist in Pension gehen können. Wie aber viele
ältere Direktoren vor der Pensionsgrenze sind die USA davon überzeugt, dass ihr
Wirken unverzichtbar ist. Sie sind wie viele Chefs vor dem Ruhestand der Meinung,
dass die ganze Firma zusammenbricht, wenn sie in Rente gehen. Oft war es
geradezu rührend, wie sie sich gegen ihre Überflüssigkeit zu wehren suchten. Da
keine echte Bedrohung auftauchen wollte, begann man unheilvolle Bilder an die Wand zu malen. So zehrten die USA über Jahre von einer Raketenlücke, während
sich die NATO auf einen geballten Panzervorstoss des Warschauerpaktes entlang
der Elbe einrichtete. Da das Reich des Bösen von allein zerfiel, trat der weltpolitische Frühpensionist an, um neu konstruiertes Unheil theatralisch zu bekämpfen
und die globale Notwendigkeit der USA zu beweisen. Einige Interventionen waren
meist nur Pinselstriche, um das vergilbte Bild der amerikanischen Schutzmantel-
madonna weiter auszumalen: Grenada bedroht die ganze Karibik. Da muss doch
jemand retten! Nicaragua bedroht ganz Mittelamerika. Das darf man doch nicht
zulassen! Panama bedroht als Kokaindrehscheibe die Gesundheit der amerika-
nischen Jugend. Da kommt schon Uncle Sam als Doktor herbeigeeilt! Serbien
bedroht das Gleichgewicht im Balkan. Libyen bedroht oder bedrohte Israel,
Nordafrika und das ganze Mittelmeer. Es bedroht Nordkorea den Süden samt
Japan. Syrien bedroht Israel. Kuba bedroht schon über 40 Jahre die USA.
Venezuela verkürzt unter Präsident Chavez den USA ihren Benzinschlauch. Der
Iran entwickelt Atomreaktoren und bedroht damit die Welt. Israel hat solche
Waffen, bedroht aber in den Augen der USA kein einziges Nachbarland. Weiss-
russland bedroht wen oder was? Myanmar oder Burma ist auf jeden Fall ein
verdächtiger Zeitgenosse, gegen den jederzeit die Weltmedienkanone in Stellung
gebracht werden kann. Auch das islamistische Regime im Sudan darf als Kandidat
gelten, da Khartum die Ölfunde von Darfur nicht den USA verkauft hat.

Wo und wann immer die USA durch inneren oder äusseren Druck zum Rückzug aus
einer Region gezwungen wurden, konnte der Frieden von alleine kommen oder
verhandelt werden. Ein Musterbeispiel hierfür ist der Contadora-Frieden. Die
Iran/Contra-Affäre, Enthüllungen über die CIA in Zentralamerika und Ermittlungen
des Kongresses führten zu einem Rückzug der USA aus dieser Region. Als die
US-Operationen endeten, begannen Guatemala, El Salvador, Honduras und
Nicaragua einen umfassenden Friedensplan auszuarbeiten. Costa Rica hatte die
Koordination übernommen. Das Abkommen der Contadora-Gruppe wurde am
7.8.87 in Guatemala verabschiedet und beendete die ineinander verzahnten
Bürgerkriege. Den namentlich nicht genannten USA ist jede Form der Einmischung
untersagt worden.

Um die Suprematie des Komplexes und der USA für das 21. Jahrhundert zu
befestigen, hofften die Neocons von Bush jr. von Anfang an auf einen Anlass, einen
guten Grund und auf ein erschütterndes Ereignis. Dann kam der 11.9.2001 als
Trigger Event. Wer ausser dem sofort als Täter genannten Bin Laden könnte
diese gewaltige, genau instrumentalisierte Attacke geplant und durchgeführt
haben? Die CIA ist von ihrer Geschichte und Psychologie her sicher nicht in der
Lage, sich in das Denken islamischer Fanatiker einzufühlen und diese wie
Marionette zu steuern. Die CIA kann das nicht, aber hinter ihr und hinter der
US-Regierung steht noch jemand anderer, der in der Globalisierung seine
Schatten wirft. Es ist dies der militärisch-industrielle-mediale Komplex mit seinen
Fangarmen, seine Finanzorganisationen, privaten Sicherheitstruppen und
unbekannten Bereitschaftsdiensten. Dieses unkontrollierbare und nahezu
unsichtbare Machtkonglomerat kann vieles einleiten, gedeihen lassen, arrangieren
und leisten. Dieser Komplex entzieht sich jeder kritischen Darstellung. Daher
hat er auch eine grossteils phantastische Verschwörungsliteratur hervorgerufen.
Ausserirdische, Insider, Illuminaten, Zionisten, Logenbrüder, Bilderberger und
andere Dunkelmänner streiten demnach um die Weltherrschaft. Es hat immer
eine Tendenz gegeben, rätselhafte Vorgänge auf düstere Verschwörungen
zurückzuführen, doch der militärisch-industrielle Komplex existiert. Er dankt der
Nachfrage.

Es geht ihm gut, denn er ist mit der Macht der Medien erweitert worden. US-
Präsident Eisenhower, der in seiner Amtszeit immer wieder Konzerne und
Politik verflochten hatte, kamen letztlich Bedenken. In seiner Abschiedsrede hat
er eindringlich vor dem militärisch-industriellen Komplex gewarnt. Dieser
Komplex unterhält Think Tanks oder Denkfabriken. Er beobachtet die Welt und
blickt in die Zukunft. Dabei sind ihm die ungeheuren Erdölreserven um das
Kaspische Meer nicht entgangen wie er auch die Notwendigkeit erkannt hat,
die amerikanischen Erdölimporte langsam aus der Golfregion herauszulösen.
In diesem Szenario starten 19 moslemische Terroristen, darunter 15 saud-
arabische Staatsbürger, am 11.9.2001 ihre Selbstmordflüge.

Zur Verteidigung der offiziellen Version von 9/11 wappnete man sich mit Hin-
weisen auf die monströse Ungeheuerlichkeit, zu der letztlich alle Fragen führen:
Ist es möglich, denkbar und irgendwie logisch, dass eine US-Regierung diese
Wahnsinnsflüge gedeihen lässt, toleriert, akzeptiert, in Kauf nimmt oder gar
befördert? Cui bono? Zu wessen Vorteil? Nein! Unmöglich! So rufen unisono
die Medien des Mainstreams. Da die Wahrheit ein Kind der Zeit ist, traten erst
später verschiedene Auffälligkeiten und Koinzidenzen hervor. In der Filiale, die
der militärisch-industrielle Komplex im Weissen Haus aufgemacht hat, zündet
erst mit Zusammensturz der Mammontürme der Funke einer neo-konservativen
Revolution. Schon vor den Wahlen im Jahr 2000 war in einem Strategiepapier
der Republikaner angedeutet worden, dass nur ein katalysierendes Moment
die geplante ideologische Wende ermöglichen könnte. Bush jr. war vom
Obersten Gerichtshof zum Präsidenten ernannt worden, aber es geht vorerst
nicht richtig los mit der konservativen Wende. Da trifft eine Flut von Warnungen
ein. Etwas Gewaltiges ist im Werden. Warum nicht abwarten, bis man Genaueres
weiss? Mit den Suizidflügen erscheint jenes Trigger Event, das in der Geschichte
der USA von Fort Sumter über Pearl Harbor und Tonking bis zu Racak immer
wieder eine entscheidende Rolle gespielt hat. Bush jr. ist ein texanischer
Mr. Simple. I’m a war president! So hatte er mehrmals ausgerufen. Weil Mr. Simple
ein grosser und daher ein Kriegspräsident sein will, lässt er sich in seinem Drang
nach Grösse von Dickie, Wolfie und Richie leicht manipulieren.

Vizepräsident Dick Cheney, der frühere stellvertretende Kriegsminister Paul
Wolfowitz und der Rüstungsideologe Richard Perle könnten ihre Kräfte auf den
Trümmern der Türme zu einer Rechtswendung vereint haben. Die drei Ideologen der
Neocons waren und sind eng mit dem Militär verbunden, das sich in einem
revolutionären Umbau befand und einen Probelauf benötigte. Diese Revolution
in Military Affairs
realisiert die lückenlose Anwendung neuer Elektronik bei
Organisation und Einsatz einer Streitmacht. Der Stratege sieht die verschiedenen
Kampffelder in Realzeit. Er ist mit allen Truppenteilen in ständiger Kommunikation
und kann den Krieg elektronisch komponieren.

Hinter dem politischen Rambo Bush jr. stehen Männer mit Hirn und einer Mission.
Die durch weltweiten Kampf gegen den Terror vollzogene Wende kann nun mit der militärtechnischen Revolution verbunden und sogar philosophisch abgesichert werden. In ihrem Zentralorgan Weekly Standard berufen sich die Neukonservativen immer wieder auf den deutsch-jüdischen Philosophen Leo Strauss (1899-1973). Strauss wird von US-Kritikern oft als Pate der Bush-Junta bezeichnet. Sein Denken kreiste um die Voraussetzungen einer stabilen Staatsordnung. Der Mensch brauche Herrschaft, weil er im Prinzip böse und ein Tier sei. Herrschaft wie Krieg seien unvermeidlich. Zur Befestigung der Herrschaft sei Religion ein besseres Bindemittel als Gerechtigkeit oder Wahrheit, während Liberalismus und Pluralismus die Auflösung bewirken würden. Das passt alles auf die Regierung Bush jr., deren Steuermänner sich zum Bau eines Funda-
mentes einen zweitrangigen, deutsch-jüdischen Philosophen ausleihen müssen.
Da führende Straussianer wie Richard Perle, der Chefredakteur des Standards,
William Kristol und Paul Wolfowitz jüdischer Abstammung sein, sprechen Kritiker auch von einer Kosher Nostra. Die Neocons hatten ihre Ideologie schon in den Clinton- Jahren veröffentlicht, waren damit aber belächelt worden und am rand geblieben.

Dann konnte sie die Bush-Doktrin formulieren. In der National Security Strategy
(Nationale Sicherheits-Strategie: www.whitehouse.gov/nsc/nss.pdf) von 2002
tauchen Überlegungen auf, die Wolfowitz schon im Defence Planning Guidance
von 1992 geäussert hatte. Im Kern der neuen Doktrin steht eine bisher noch
nicht dagewesene nationale Putativnotwehr. Man will gegen Bedrohungen
vorgehen, bevor sie sich voll entfalten
. Wo immer sie eine Drohung entdecken,
wollen sie einen Präventivkrieg führen. Innenpolitisch gab es kaum Widerstände:
Am 26.10.2001 unterzeichnete Bush den USA Patriot Act. Damit wurden 15
Gesetze geändert. Mit dem Departement of Homeland Security (DHS) kreierte
man ein Sicherheitsministerium, im dem die Agenden von zwanzig, vorher
unabhängigen Behörden konzentriert werden. Eine wesentliche Einschränkung
der Menschen- und Bürgerrechte war damit möglich geworden.

Die USA konnten den islamistischen Terror zu einer weltweiten Macht auf-
donnern und einen immerwährenden Krieg erklären. Da das Netzwerk der
Terroristen in vielen Staaten gesponnen werden kann, wollten die USA überall vorbeugend zuschlagen. Dass sie dabei nicht die Keimzellen des Terrors, sondern
meist unbeteiligte Zivilisten treffen, kann sie nicht beunruhigen. Das Völkerrecht
und die Charta der UNO, die Präventivkriege verbieten, sollen dem Kampf gegen
Terror untergeordnet werden. Die USA wollen sich präventiv verteidigen und
einen Staat angreifen, in dem Terroristen Massenvernichtungswaffen schmieden
könnten. Der Marsch auf Bagdad bewies allerdings das Gegenteil. Das Atom-
zentrum von Tuwaitha wurde nicht rechtzeitig besetzt. Nach Angaben der
Atombehörde IAEA haben sachkundige Plünderer radioaktives Material ent-
wendet. Beamte der Atomkommission sind von US-Truppen bei Feststellung
fehlender Substanzen und möglicher Schäden behindert worden. Wahrschein-
lich sind radioaktive Substanzen aus Tuwaitha in die Hände von Terroristen
gelangt. In Tiflis hat die Polizei Mitte Juni 2003 einen Behälter mit solchem
Material vor seinem Verkauf an Unbekannte sichergestellt (siehe Fischer-
Weltalmanach 2004 S. 59 bzw. 352).

Amerika fehlt es nie an Apologeten. Man müsse Länge mal Breite happy sein,
dass es einen Hegemon wie die USA gebe. Gewalt habe seit je die Welt regiert.
Man müsse froh sein, dass die USA ihre Militärmacht einsetzen würden, um
noch grössere Gewalt zu verhindern. Die UNO habe keine Militärmacht und
könne daher nicht handeln. Da es niemand sonst könne, müssten die USA die
Rolle der ordnenden Gewalt übernehmen. Globocop müsse als natürliche
Ordnung akzeptiert werden. Indes gibt es immer etwas zu ändern und zu
verbessern. Die UNO hat Dutzende erfolgreicher Einsätze geleistet. Sie
unterhielt im Jahr 2003 in 14 Staaten Missionen zur Friedenssicherung. Das
Vereinigte Europa lässt heute einen Krieg zwischen Mitgliedsstaaten als
undenkbar erscheinen. In Südostasien nimmt sich die ASEAN (Association of
South East Asian Nations) Europa zum Vorbild. Kriege zwischen ASEAN-
Staaten sind undenkbar geworden. Dass Gewalt die Welt regiert, mag be-
klagenswert und teilweise richtig sein. Das schliesst nicht aus, dass der UNO
einmal scharfe Zähne wachsen, um ihre Satzungen und das Völkerrecht gegen
die USA zu verteidigen. Bis dahin könnte sogar ein vorläufiger Hegemon akzep-
tiert werden, wenn er nur als eine Ordnungsmacht des Wissens auftreten
würde. Gerade aber das eklatante Unwissen der USA über andere, mehr noch:
Ihr Nichtwissenwollen ist die grosse Gefahr, denn das Studium und die Analyse
eines Staates, seiner Gesellschaft und Geschichte vermindern den Hass, die Aggression und Kriegsbereitschaft.

Terror von Fanatikern und Fundamentalisten ist ein historisches Phänomen, in
dem ein Flammenmeer von Scheiterhaufen gegen ein Gebirge aus Totenköpfen
brandet. Aufklärung, Demokratie und Menschenrechte sind heute dann wirksame
Waffen, wenn man sie nicht im Sinne der USA einsetzt, da die Vereinigten
Staaten auf ihre Art fanatisch und fundamentalistisch geworden sind. Etwa
800 private, grösstenteils bewaffnete Milizen (siehe Bruce Hoffmann:
Terrorismus - Der unerklärte Krieg S. 137 ff.) verfolgen in den USA nicht genau
definierte Ziele. Michigan Militia, Viper-Militia, Big Star One, Militia of Montana,
Arizona Patriots, Mountaineer Militia oder Aryan Nations sind nur einige Namen
dieser Organisationen, die in ihrem unbändigen Hass gegen die US-Regierung
schon mehrmals zu Terroraktionen gegriffen haben.

Politischer Terror unterscheidet sich von Kriminalität durch das Sendungsbe-
wusstsein und den ideologischen Hintergrund der Täter. An seinen Rändern
verschwimmt er mit den Kämpfen ethnischer Minoritäten um mehr Rechte
oder einen eigenen Staat. Politische Terroristen agieren an der Spitze einer
entwickelten Kommandostruktur. Es fehlt ihnen das Profitmotiv. Sie wollen
wie der Bankräuber der Festnahme entgehen, doch sie wollen eine Botschaft
hinterlassen und ihre Tat begründen. Ihre Aktionen sollen einer möglichst
grossen Öffentlichkeit bekannt werden. Politischer Terror ist mit der Allgegenwart
der Medien ein blutiger Blockbuster geworden, in dem nun die Bösewichte
von Hollywood gelernt haben und Regie führen.

Für eine Bekämpfung des Terrors wäre als erster Schritt ein genaues Studium
notwendig: Wie und warum beginnt der Terror? Wie und warum geht er zu Ende?
Es überrascht nicht, dass die US-Regierung hier keine Anstrengungen unternimmt.
Kriege oder militärische Aktionen haben den Terror noch nie beendet, sondern
viel eher neu angefacht. Die Statistik (Rand/St. Andrews University: Chronology
of International Terror
ab 1968 ff.) beweist ein Ende des linken Terrors, der
Europa in den Siebzigerjahren erschüttert hatte. Begonnen hatte diese Form
des Terrors im Jahr 1968, als sich die herrschenden Institutionen durch
romantisch-aggressive Studentenproteste nicht verändern liessen. Damals
diskutierten Dutzende Gruppen den Übergang zur direkten Aktion. Die RAF
war die Folge. Sie hat drei Generationen gezeugt, doch plötzlich kam ihr Ende.
Das dürfte auch durch den Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa
und in der UdSSR 1989/91 verursacht worden sein.

Beispiele wie Kenia, Nordkorea, Zypern, Sri Lanka oder Armenien können
weitere Bedingungen für ein Ende des Terrors illustrieren. Der Terror der
Maumau hörte auf, als die britische Kolonie die Unabhängigkeit erhielt.
Armenische Kommandos haben ab 1970 als Rache für den Genozid von 1915
etwa hundert Diplomaten und Repräsentanten der Türkei ermordet. 1991
wurden diese Aktionen beendet. Armenien war im Zerfall der Sowjetunion ein
Staat geworden, der jeden Mann und jede Kugel für die Abwehr der bald an-
greifenden Aserbaidschaner brauchte. Der Terror des Generals Grivas auf
Zypern ist mit der Staatswerdung der Insel erloschen. Auch Nordkorea dürfte
im Zuge der Sonnenscheinpolitik des Südens und der heimlichen Milliarden
aus Seoul seine Terrorakte eingestellt haben. Der Tamilenterror auf Sri Lanka
schien 2003 beendet, nachdem norwegische Vermittler eine Formel für Autonomie
und Überleben der Tamilen inmitten einer singhalesischen Mehrheit gefunden
hatten. Der Suizidterror gegen Israel könnte wohl auch reduziert werden, wenn
man Siedlungen in Palästinensergebieten räumen würde und moslemische
UNO-Truppen die Grenze sichern liesse. Das heisst: Politischer Terror kann
meist dann beendet werden, wenn man die amerikanische Lösung - Krieg! - auf
keinen Fall anwendet.

Der politische Terror ist indes vom religiösen Terror abgelöst und weit übertroffen
worden. Waren Links- und Rechtsterror bemüht, vorrangige Ziele und Repräsen-
tanten der herrschenden Ordnung zu treffen, so will der religiöse Terror wahllos,
doch in spektakulärer Form eine möglichst grosse Zahl von Menschen vernichten.
Kein palästinensischer Luftpirat hat früher die Imame Ali oder Hussein beschworen.
Seit 1990 betätigen fast alle Suizidbomber nach Gebeten an die beiden Imame
den Schalter am Sprengstoffgürtel. Die moslemische Schia hat sich in ihrer
Tradition der Selbstaufopferung an die Spitze des Kampfes gegen das American
Empire gestellt. Djihad ist gegen McWorld angetreten. Die schiitischen Ayatollahs
sind eigentlich die heimlichen Sieger der letzten amerikanischen Kriege. Sie
haben in Bosnien Fuss gefasst. Ihre Satrapen herrschen über den Nordwesten
Afghanistans. Der US-Krieg gegen den Schiitenfeind Saddam hat den Ayatollahs
den halben Irak in ihre fromm geöffneten Hände geschoben. Die Reviere im
Irak sind noch nicht abgesteckt. Soll der aus dem iranischen Exil heimgekehrte
Alt-Klerus die Teilmacht übernehmen und sich mit einer von den USA zugewie-
senen Rolle begnügen? Oder sollen radikale Nachwuchskräfte langsam und
heimlich einen Schiitenstaat aufbauen? Im schiitischen Irak schlummern Kräfte
des Glaubens, die sich im Christentum schon in Gleichgültigkeit aufgelöst haben.
Die Schia predigt seit Khomeini mehr globale Gerechtigkeit und sucht nach
Expansion. Der Irak war ihr logisches, erstes Ziel. Da die Schia aber an Saddam
scheiterte, suchten radikale Ayatollahs mehrmals vergeblich die US-gestützten
Herrscher in Saudiarabien und in den Golfemiraten anzugreifen. Die USA, ihr
in Nahost verankerter Flugzeugträger Israel und die Emirate sind militärisch und
ökonomisch schwer zu attackieren. Damit blieben Terrorismus und Suizidkom-
mandos die einzige Waffe. Ihre Wirksamkeit erhöht sich, da sich der radikal-
moslemische Terror in die Ströme und Instrumente der Globalisierung einklinkt.
In Indonesien und auf den Philippinen sind McDonalds-Filialen zerstört worden,
nachdem sich die Terroristen im Internet informiert und über Mobeiltelefone die
Angriffe koordiniert hatten. Auch die Bomben auf Bali und in Madrid sind über Handy gezündet worden.

Der institutionelle, zur Bürgerpflicht gewordene Konsumwahn der USA erzeugt
Myriaden Produkte der Unnotwendigkeit. Ihre Herstellung erzwingt die politisch-
militärische Kontrolle der globalen Ressourcen in immer grösseren Gebieten. Die
erste Reaktion des New Yorker Bürgermeister Giuliani auf die Zerstörung der
Mammontürme war der Befehl: Go to N.Y. and buy! (Geht nach New York und
kauft dort ein!).

Das heisst Shopping gegen den Feind! Auch die US-Aussenpolitik geht Shopping,
doch tut sie dies mit vorgehaltener Pistole. Die Vereinigten Staaten sind auf einem
Raubzug, der sich in den Glitzer der Globalisierung hüllt. Hierbei wird die Globa-
lisierung als ein natürlicher und damit unaufhaltbarer Prozess beschrieben.
Statistiken des Haushalts zeigen den ökonomischen Niedergang der USA unter
Bush jr. in einem gewaltigen Sturz von einem Plus von 127 im Jahr 2001 auf ein
Minus von 455 Milliarden im Jahr 2003. Im Jahr 2002 standen Importen von
1164 Milliarden Dollar Exporte von 682 Milliarden gegenüber. Das ist ein Aussen-
handelsdefizit von 583 Milliarden Dollar. Die Amerikaner kaufen und konsumieren
immer mehr, während sie immer weniger produzieren und exportieren. In den
geheimen Gärten der Globalisierung werden die Güter der Welt abgeschöpft und
mit Geldern bezahlt, die nicht von Amerikanern erarbeitet, sondern auf anderen
Wegen und nicht immer auf die feine Art beschafft worden sind. Es flossen auch
viele ausländische Investitionen in die USA, weil man in einem gefährlichen Irrtum
glaubte, dass das Geld dort am sichersten Gewinn bringen würde. Waren 1990
rund 89 Milliarden Dollar in die USA gekommen, so waren es 2001 etwa zehnmal
so viel (Zahlen aus Fischer Weltalmanach 2004). Nun kommt kaum mehr etwas.
Die USA sind ein Schwarzes Loch geworden, das Waren und Kapital aufsaugt
und dafür nur das Mündungsfeuer falscher Schlachten liefert. Die Welt bezahle,
so die PR des Weissen Hauses, den USA mit Investitionen nur das, was sie an
Sicherheit zurückbekommen würde. Die weltweite Präsenz des US-Militärs wird
so durch neuartige Tribute aufrecht erhalten. Wenn die USA Afghanistan und den
Irak zerbomben, aber die Aufbaukosten Europa überlassen, sind das Neotribute.
Weil Verbündete in Desert Storm 1991 nicht kämpfen wollten, zahlten sie und
sollen so den USA sogar einen Reingewinn in unbekannter Höhe gebracht
haben. Man sprach damals schon vom Krieg im Leasing. Auch die von den USA
erzwungenen Waffenkäufe abhängiger Staaten sind eine Form des Tributs. Die
Vereinigten Staaten haben im Jahr 2001 für 10 Milliarden Dollar Waffen exportiert,
was mehr als die Hälfte aller Waffenverkäufe weltweit ausmachte. Diese Verkäufe
sind nach dem Irak-Krieg stark angestiegen. Hinter dem Trugbild freundlichen
Händeschüttelns zweier Präsidenten sind leise Absatzbewegungen im Gang.
Die USA haben Verbündete in Südostasien verstört. Ihr theatralischer Militarismus
stösst auf Widerstand in Deutschland und Frankreich. Russland hält sich still und
leise im Hintergrund. Russland erholt sich. Die USA mögen an Russlands
Grenzen tosen und toben. Der Kreml wartet, bis die Gewalttaten der trunkenen
Macht ein Bündnis zwischen Russland und Europa erzwingen. Russland ist mit
den Rohstoffen Sibiriens und dem Kaspischen Meer anders als die USA von
der Aussenwelt unabhängig. Russland verfügt über ein nukleares Arsenal, ist
aber bis auf Tschetschenien relativ friedfertig. Japan und Südkorea machen sich
von den USA unabhängig. Die geopolitischen Folgen des Krieges gegen den Irak
sind nicht abzusehen. Libyen hat sich gebeugt, doch Iran und Syrien dürften zur
Einsicht gekommen sein, dass nur Atomwaffen von einem amerikanischen Angriff
schützen. Nun verbündet sich der Iran mit Venezuela, das die neue, antiamerika-
nische Front in Südamerika anführt. Die Kriegssucht der USA lässt ihre bisherigen
Verbündeten Deutschland, Frankreich und Japan näher an Russland heranrücken.
Künftige Kriege der USA könnten daher eine Achse zwischen Europa, Russland, China und Japan schmieden. Es entwickeln sich Bündnisse gegen die USA. Eine
Befreiung und ein Ende der US-Suprematie scheinen damit möglich zu werden.
Das heisst: Je mehr Kriege die USA in Zukunft führen, desto früher käme das
Finis Americae! Als das britische Empire um 1900 auf dem Höhepunkt war,
wurde in London ein Stillstand der Geschichte ausgerufen: Britannia forvever! Als
der Kommunismus zusammengebrochen war und die USA die einzige Grossmacht
blieben, proklamierte der US-Ideologe Francis Fukujama das Ende der Geschichte:
USA forever!
Auch Kritiker der USA können heimliche Bewunderung über die ungeheuerliche,
fast unheimliche Kraft nicht unterdrücken, mit der die USA wenige Jahrzehnte nach
ihrer Gründung überall auf Welt ihre Interessen durchzusetzen begannen. Es war
dies die Kraft einer jungen Nation, die durch eine Ideologie der Auserwähltheit
und Besonderheit ohne Rücksicht auf eigene und andere Opfer diese Expansion
erzwungen hat. Noch dramatischer und rätselhafter war es, als die USA in der
tiefen Depression nach 1929 mit einem New Deal neue Kraft gewonnen und im
Krieg gegen NS-Deutschland zur Weltmacht aufgestiegen sind. Die USA können
als Grossvater der Weltdemokratie mit Lorbeer überhäuft in Pension und in eine
neue Isolation gehen. Doch Erfolg macht betrunken und will noch mehr Erfolg
samt Expansion.

Ein historisches Gesetz beendet jede Expansion. Alexanders Grossreich dauerte
nur wenige Jahre. Das Römische Weltreich scheiterte an seiner Überdehnung.
Die Mongolen schufen den grössten Binnenstaat der Geschichte, der bald wieder
zerfiel. Napoleon, das Osmanische Reich, Österreich-Ungarn und das Empire
sind weitere Beispiele. Daher ist in der weltweiten Expansion der USA auch der
künftige Grund ihres hoffentlich bald beginnenden Untergangs verborgen. Expansion
und Überdehnung geschehen heute nicht mehr durch Besetzung, Annexion oder
Bildung abhängiger Quasistaaten. Eine Besatzungsmacht für die ganze Welt käme
wohl zu teuer. Die USA wollen, was billiger kommt und auch mehr Profite bringt,
die ganze Welt durchwesen. Sie wollen Herren eines Empires sein, aber es soll
wie Cola light ein
Empire light sein. Man will die Geschichte, die schon viele Imperien untergehen sah, mit soft power überlisten. Die USA wollen auch ein Begign Empire, ein gütiges Imperium, sein. Amerikanisierte Eliten sollen überall nationale Besonderheiten abschaffen und Spiegelbilder der USA erzeugen.
Sie sollen sich um die Müllabfuhr, Stromversorgung und anderes kümmern, aber die
Ressourcen ihres Landes per Adresse Washingtons abliefern. Man bemüht sich,
einen Unterschied zu anderen untergegangenen Imperien zu finden. So schrieb
Michael Ignatieff im Januar 2003 im New York Times Magazine: Amerikas Empire
ist anders als die Imperien der Vergangenheit, die auf Kolonien, Eroberungen
und auf der Last des weissen Mannes gebaut waren….. Es wird ein Empire light sein, eine globale Hegemonie, deren Duftnoten (!) freie Märkte, Menschenrechte und Demokratie sind.

Der American Way of Life durchdringt mit neuen Waffen wie Hollywood, Hightech,
Börsenkursen, CNN, McDonalds, Microsoft, Blue Jeans und anderem die
Differenziertheit der Welt. Wie Ratten nagen die USA an nationaler Identität. Das
Ausland ist nicht mehr ausländisch
, verkünden die Chefs von Planet Hollywood
(siehe Benjamin Barber: Jihad vs. McWorld). Die Welt soll vom Geist der USA
und mit dem Rauschgift der Globalisierung durchtränkt werden, damit alle einig
sind und keinen Widerstand mehr leisten. Weltweit soll ein Chor erschallen, der
immer nur Ja! sagt. Dazu ist eine massenhafte Reduzierung von Intelligenz bis hin
zu einer Infantilisierung notwendig. Alle sollen sie zu Kindern des amerikanischen
Gottes werden. Da die US-Kultur den Menschen zum Kind zurückführt, ist auch
in der jüngeren Generation die Amerikanisierung deutlicher als bei älteren Jahr-
gängen. Die Verkindlichung hat eine expandierende Industrie übernommen, die
immer neue Geräte und Spielzeuge zur Ablenkung von eigenen Gedanken
hervorbringt: Wehe dem, der denkt! So lauten die unsichtbaren Schlagzeilen
der Neomedien, der Infospots, der Werbung, des Rankings und des Event-
spektakels. Wozu auch diese unnötigen, dissidenten Gedanken? SMS, Play-Station,
TV-Shows, Videospiele, Mobiltelefone, DVD, Walkman und vieles andere laufen
per Knopfdruck und brauchen keine eigenen Gedanken. Nie mehr soll der Mensch
allein bleiben! Geschwätz und Infos sollen ihn nahtlos umgeben. Ist der Mensch
als Kind zugerichtet, kann er den American Way of life besser gehen. Er wird ihn
aber nicht gehen, denn der dritte, geheime Weltkrieg hat schon begonnen. Dieser
Krieg ist anders als alle andere zuvor.



Benutzte Literatur:

Barber, Benjamin: =Jihad vs. McWorld=/Brzezinski, Zbigniew: =Die einzige
Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft=/Deschner, Karlheinz:
=Der Moloch=/Dollinger, Hans: =Schwarzbuch der Weltgeschichte=/Friedman,
Thomas: =The Flexus and the Olive Tree=/Greider, William: =Endstation Globalisierung: Der Kapitalismus frisst seine Kinder=/Todd, Emmanuel:
=Weltmacht USA: Ein Nachruf=/Virilio, Paul: =Krieg und Fernsehen=/Vulner, Jo:
=Der Info-Wahn=/Huntington, Samuel: The Clash of Civilisations and the
Remaking of the World Order=/Wagnleitner, Reinhold: =Cola Colonisation=



Quelle:
Malte Olschweski/e.journal

Beitrag eingesandt am 28.12.2006 von S.M. 5014 Gretzenbach