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Libanon: Wiederholung des Immergleichen?

Die Forces Libanaises sind wieder bewaffnet.

Seit Wochen mehren sich im Libanon die Berichte über die Wiederbewaffnung der Forces Libanaises (FL), deren Name für die Mörder von Sabra und Schatila steht. Eines der größten Schreckgespenster aus Libanons blutiger und kaum aufgearbeiteter Vergangenheit betritt somit wieder die Szene.

Als Miliz 1977 von Baschir Gemayel gegründet, agierte die extrem rechtsgerichtete christliche Gruppierung nach Ende des Bürgerkrieges nur mehr auf der politischen Bühne, wenngleich ohne allzu viel Spielraum. Erst mit dem Abzug der syrischen Besatzer in 2005 schlug wieder ihre Stunde. Bei den Parlamentswahlen, die der "Zedernrevolution" folgten, traten sie im Rahmen der "Rafik-Hariri-Märtyrer-Liste" an, einer von Saad al-Hariri angeführten Koalition, die die Wahl gewann. Ende Juli 2005 triumphierten die FL vollends: ihr Führer, Samir Geagea, der 1994 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe für Verbrechen während des Bürgerkrieges verurteilt worden war, kam frei.

Geagea, dem die Morde an dem früheren Ministerpräsidenten Omar Karamé, Dany Schamoun (Sohn des früheren Staatspräsidenten Camille Schamoun) und Tony Frangieh (Sohn des früheren Staatspräsidenten Suleiman Frangieh) mitsamt deren Familien zur Last gelegt wurden, hatte von einem Amnestieerlass profitiert. Des Mordes bleibt der Milizenführer, dessen Gerichtsverfahren und Haftbedingungen von Amnesty International allerdings als unfair respektive unmenschlich kritisiert wurden, jedoch schuldig. Die Bezeichnung "Mörder", die ihm unter anderem der Nahostjournalist Robert Fisk gerne verleiht, ist somit rechtlich fundiert. Doch nicht allein die Person Geageas macht die FL zu einem Sinnbild des Schreckens.

Es ist vor allem die Miliz selbst, die den Einmarsch der israelischen Armee im Juni 1982 nicht nur begrüßt hatte, sondern mit dieser zu kollaborieren bereit war. Wie dies aussah, zeigte sich am deutlichsten vom 16. bis 18. September 1982: die von den Israelis trainierte Truppe "Schock" der FL drang in die Beiruter Flüchtlingslager Sabra und Schatila ein. Zwei Tage und drei Nächte dauerte die Blutorgie. Unzählige Palästinenser, vorwiegend Zivilisten, kamen unter dem "Schutz" der israelischen Armee, die die Lager während dieser Stunden umzingelt hatte, um. Das direkte FL-Kommando lag bei Elie Hobeika, der 2002 gewaltsam und ungeklärt ums Leben kam. Geageas direkte Involvierung in Sabra und Schatila ist umstritten. Er gehörte jedoch bereits damals zu den Führern der FL.

Attentat auf Aoun?
Als potentiell aktive Miliz fanden die FL Ende November vergangenen Jahres in die Schlagzeilen zurück. Die Medien, die zu den Verfechtern von Libanons Opposition gehören – Hizbollah-Sender "Al-Manar", der TV-Sender "New TV" sowie die drei Tageszeitungen "Al-Akhbar", "As-Safir" und "Ad-Diyar" – berichteten über die Verhaftung von mehreren Personen, die im Besitz von unlizenzierten Waffen und von Autos mit identischen amtlichen Kennzeichen gewesen sein sollen, in denen unter anderem Pläne von der Region gefunden worden seien, in der General Michel Aoun, der Führer der maronitischen Christen wohnt. Sogar ein Foto des Generals sei gefunden worden.

Bei den Autos soll es sich um amerikanische Jeeps, bei den Waffen um amerikanische und israelische Fabrikate handeln (unter anderem Maschinengewehre vom israelischen Typ Uzi und amerikanische Pistolen vom Typ M15, M4 und MP5 laut Al-Akhbar (1)). Die 22 Verhafteten, so ihre Anzahl laut "Ad-Diyar" vom 30. November, sollen den FL angehören. Einige von ihnen sollen zu Bürgerkriegszeiten bei "Schock" mitgewirkt haben.

Die regierungsfreundliche Tageszeitung "An-Nahar" veröffentlichte die zunächst von Hisbollah-Fernsehsender "Al-Manar" verbreitete und von der libanesischen Armee bestätigte Nachricht von den Verhaftungen zwar auch, betonte auf ihrem Portal "AnNaharnet" jedoch (2), dass die Verhafteten angaben, nicht Mitglieder der "Forces Libanaises", sondern die bewaffneten Leibwächter des Vorstandsvorsitzenden des TV-Senders LBC, Pierre Daher, zu sein. LBC gilt als den FL nahe stehend.
Den christlichen Keil ins Oppositionslager treiben.
Dafür dass sich die FL wieder bewaffnen (oder ihr ohnedies vorhandenes Arsenal wieder einsetzen), sprechen auch die Berichte zu den jüngsten gewalttätigen Ausschreitungen im Libanon. So schreibt "Al-Akhbar" (gegen die die FL mittlerweile ebenso Klage einreichten wie gegen "Al-Manar" und "New TV" wegen "Verbreitung falscher Informationen" (3), dass die libanesische Armee infolge der Eskalationen, die der Generalstreik vom 23. Januar ausgelöst hatte, 132 Personen verhaftet habe, die mit den FL, der "Zukunftsbewegung" von Saad al-Hariri, und der Partei Jumbladts in Verbindung (4) stünden.

Die FL hätten anlässlich des Generalstreiks 800 teils schwer bewaffnete Mitglieder ausgesandt. Sie seien von "Personen aus Regierungskreisen" in deren Autos "von Ort zu Ort" transportiert worden. Auch seien in diversen Autos, die dem ehemaligen Parlamentsabgeordneten und Christen Fares Soueid gehören, große Waffenmengen gefunden worden. Soueid zählt zu den schärfsten Kontrahenten der Opposition, mit der das Regierungslager, dem Bericht zufolge, an diesem Tag gezielt die Konfrontation gesucht habe. Allein sieben Anhänger von Aouns "Freier Patriotischer Bewegung" hätten Schusswunden in Auseinandersetzungen mit Mitgliedern der FL erlitten – zu denen, so Aoun in einer Pressekonferenz vom 24. Januar, auch die angeblichen Leibwächter des (christlichen) LBC-Chefs zählen würden. Obgleich weder die schiitischen noch die christlichen Oppositionsanhänger im Gegensatz zu den FL während des Generalstreiks Waffen eingesetzt hätten, würden letztere versuchen, das "Gesetz der Miliz" im Land zu reetablieren.

Anschuldigungen, denen der maronitische General zusätzliches Gewicht durch die Aussage verlieh, er habe "persönlich" ein Ende des Generalstreiks angeordnet, um einer Gewalteskalation zwischen den christlichen Fraktionen vorzubeugen. Bereits im Bürgerkrieg hatten Christen gegen Christen gekämpft.

Syrien abgezogen – Aufrüstung begonnen
Angesichts dessen, dass die libanesische Armee unter der syrischen Besatzung fast vollständig abbaute, verwundert es nicht, dass die in 2005 an die Macht gelangte, derzeitige libanesische Regierung seither um die Aufrüstung ihrer inneren Sicherheitskräfte bemüht ist (5) – umso mehr, als der Libanon geradezu süchtig nach Sicherheitsdiensten ist (jede noch so kleine Fraktion misstraut allen übrigen und bedarf daher der eigenen Kampftruppe). Ebenso wenig verwundert, dass vor allem die ausländischen Akteure, die ein Gegengewicht zur Hisbollah suchen, sie darin unterstützen – sprich, USA (6), Frankreich und sunnitische Regime wie Saudi-Arabien, um zumindest die offiziell bekannten Länder (7) zu nennen.
Doch während westliche Medien über diese Aktivitäten (zumindest vereinzelt) berichten, lassen sie die FL außen vor. Ob die Gründe in dem – weder inner- noch außerhalb des Libanon jemals genuin aufgearbeiteten – Geschehen von Sabra und Schatila liegen, wäre eine Frage. Keine Frage aber ist, dass die FL erneut bewaffnet sind. Ausgerechnet Soueid bestätigte dies, wenngleich unbeabsichtigt: "Es ist absurd, dass Aoun die Forces Libanaises beschuldigt, eine bewaffnete Miliz zu sein, während er die Hisbollah, die über mehr als 20.000 Raketen verfügt, als Widerstandsgruppe betrachtet", zitiert (8) ihn die englischsprachige libanesische Tageszeitung "Daily Star".
von Mona Sarkis / 04.02.2007

Links
(1) http://www.al-akhbar.com/ar/node/13527
(2) http://www.naharnet.com/domino/tn/NewsDesk.nsf/Lebanon/F28BB7BE67AAEA0AC...
(3) http://www.libnanews.com/2007/01/les_fl_accusent.html
(4) http://www.al-akhbar.com/ar/node/20063
(5) http://www.latimes.com/news/nationworld/world/la-fg-lebsunnis1dec01,0,31...
(6) http://www.telegraph.co.uk/news/main.jhtml?xml=/news/2007/01/10/wleb10.x...
(7) http://www.theglobeandmail.com/servlet/story/LAC.20061201.LEBMILITIA01/T...
(8) http://www.dailystar.com.lb/article.asp?edition_id=1&categ_id=2&article_...
Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24549/1.html

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