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Israel - Was hat Kunst mit Völkermord zu tun?

Offener Brief an die Auslandsredaktion der NZZ zu dem Artikel "Schweden protestiert gegen Kunstattacke von Israels Botschafter - Mazel bereut sein Verhalten nicht"
NZZ Online, 19. Januar 2004, 19:14

Absender:
Heinz Kobald
Kemptener Straße 60
D 81475 München
e-mail: heinzkobald@aol.com

Montag, 26. Januar 2004

An die
Neue Zürcher Zeitung
Auslandsredaktion
Herrn Dr. Reinhard Meier

Sehr geehrter Herr Dr. Reinhard Meier,

Mit diesem Schreiben übersende ich Ihnen meinen Antwort-Brief zu dem o.g. Artikel in Ihrer Zeitung.

Mit freundlichen Grüßen !

Ihr

Heinz Kobald



Das Kunstverständnis des Israelischen Botschafters in Schweden
oder
Was hat Kunst mit Völkermord zu tun ?

Es sind kaum zwei Wochen vergangen - und wieder keine Entschuldigung! Weder vom Botschafter selbst noch von seiner Regierung in Tel Aviv. Das Besondere an dem Vorgang ist, daß selbst die Regierung ihrem Botschafter für seine zerstörerische Kunstaktion ein Lob ausspricht.
Ganz Israel erhebt ihn zum Helden? Und der Erfordernis der Entschuldigung wird wieder ein überdimensionaler Vorwurf entgegengesetzt. ( Anm. 1 )

Und das nachdem erst vor kurzer Zeit die beiden Präsidenten des World Jewish Congress (WJC) und des European Jewish Congress (EJC), Edgar Bronfman und Cobi Benatoff der EU einen tiefgreifenden Antisemitismus vorgeworfen hatten. Bronfman und Benatoff hatten in ihrem Beitrag in der Financial Times der EU vorgeworfen, durch Untätigkeit sowie "durch direkte Schritte gegen Juden" den Antisemitismus in Europa gefördert zu haben.

Schwedens Diplomatie zeigte sogar Verständnis für die Verärgerung des Israelischen Botschafters. Jedoch sieht der Botschafter keinen Weg zu einer Entschuldigung. Botschafter Zvi Mazel gibt als Grund für seine Ablehnung einer Entschuldigung an: » Er habe im Museum emotional nicht anders reagieren können. « ( SZ 19. Jan. 2004 )
Ist ab jetzt jede emotionale Entgleisung Grund genug, eine von den guten Sitten geforderte Entschuldigung ablehnen zu können? Was hätte Freiherr von Knigge dazu gesagt? Und was der Philosoph Bernhard Waldenfels, der sich mit der Phänomenologie beschäftigte. Besonders über die „Vernunft im Zeichen des Fremden“ hatte er nachgedacht. Er sah in der Fremdheit eine Herausforderung an das Ethos der Sinne, in dem sich Sinn nicht von Sinnlichkeit trennt und das Fremde gerade als das „Unzugängliche“ sich dadurch aus sich selbst heraus erschließt. ( Anm. 2 )

Doch diese Gedanken wurden einen Augenblick lang von den stärkeren Emotionen des Herrn Zvi Mazel vertrieben. So werden wir mit der Haltung des Israelischen Botschafters in Schweden konfrontiert. Ein Verhalten, das dem zivilisierten Betrachter mit der Faust ein blaues Auge schlägt.
Wo aber findet sich für diese Haltung eine schlüssige Erklärung, die Ursache?
Ist die eigene ungezügelte Emotion schon Erklärung genug? ( Anm. 3 )

Ein Botschafter zerstört aus Unwillen über die dargestellte Demonstration ein Kunstwerk, das er als Verherrlichung des Völkermordes brandmarkt. Botschafter gehören ausnahmslos zu der Gruppe von Menschen, die sich durch eine besondere Bildung und hervorragend kultiviertes Auftreten auszeichnen. In Israel wird Zvi Mazel zum Helden erhoben. Israels Radio und Fernsehen berichten fast ausnahmslos voller Bewunderung über Israels Botschafter in Stockholm.
Was ist los in Israel ? Haben die Stimmen den Kern getroffen, die das Selbstbildnis Israels „die Friedenstaube umringt von mörderischen Nachbarn“ in Frage stellen? Ist Israel in die „Mentalität eines belagerten Stammes“ zurückgefallen wie es Tom Segev in seinem Buch „Die moderne israelische Gesellschaft“ beschreibt? Denn das Ziel der PLO kann Israel nicht wirklich in Gefahr bringen oder so erschrecken. ( Anm. 4 )
Oder liegt es an dem alten „Trauma der Verfolgung“, das sich Israelis bemühen, nicht untergehen zu lassen. ( Anm. 5 )

Doch welche ungeheuere Empfindlichkeit muß die Regierung Sharon erfassen, wenn Israels Außenminister Shalom zu einem unsachlichen Gegenvorwurf übergeht und Schweden eine pro-palästinensische Einstellung vorhält?
Es ist verblüffend wie bezugslos hier der Außenminister Israels, Shalom, den Mord an seiner schwedischen Amtskollegin zum Vergleich ansetzt. Wie ist es ihm nur gedanklich möglich, den Mord an Frau Anna Lindh der künstlerischen Installation zur Erinnerung an eine Selbstverteidigungs-Attentäterin gegenüberzustellen?
Es ist bezeichnend für die Aktionen der Regierung Sharon, wie wenig das Unrechtsbewußtsein für die eigenen Handlungen ausgebildet ist. Hier muß an dem jungen Staat noch viel politische Erziehungsarbeit geleistet werden. Doch die Regierung Israels fühlt sich im Recht, das erfahren wir besonders seit den letzten 36 Jahren. Israel besiedelt das eroberte fremde Land und baut zu seinem „Schutz“ eine Mauer. ( Anm. 6 )

Hier rächt sich die Nachsichtigkeit der Europäer gegenüber der ungehinderten Landnahme Israels in Palästina. Damit wird jeder Regierung Israels der Zugang zur Erkenntnis ihrer Unrechtshandlungen nicht eröffnet. Im Gegenteil, die Politik Europas bestätigt durch ihre Untätigkeit das Rechtsempfinden Israels bei seinen Unrechtshandlungen. Das auserwählte Volk bedarf danach keine Ratschläge, auch nicht die von Freunden.

Der über ein demonstratives Kunstwerk geworfene Vorwurf des Völkermordes ist aus psychologischer Sicht äußerst bemerkenswert. Als tiefere Ursache dafür müßte eine Angst in Israel angelegt sein, selbst mit dem Vorwurf des Völkermordes konfrontiert zu werden. Hat die Regierung Israels ein ungutes Gewissen und versucht sie so, sich selbst durch diese spektakulären Aktionen vordergründig zu befreien?
Trifft der Vorwurf des Völkermordes an Juden wirklich die Selbstverteidigungs-Attacken der Palästinenser? Erfüllen diese Selbstverteidigungs-Attacken der Palästineneser tatsächlich den Tatbestand des Völkermordes? Sind diese gewaltsamen Attacken aus der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung über die Lebenslage des eigenen Volkes dem Völkermord zuzuordnen?
Eine eher sehr spektakuläre Einordnung auf sehr hoher politischer Ebene. ( Anm. 7 )

Die künstlerische Installation einer Selbstverteidigungs-Attacke erweckt in mir eine ganz andere Bestürzung. Die Verzweiflungstat der jungen Palästinenserin Hanadi Schadarat ( so geschrieben in der FR ) oder Hanadi Dschaharat ( in der Schreibweise bei hagalil.com ) ( der Journalist Thorsten Schmitz in der SZ entzog sich einer Namensnennung ) zerstört das Leben von unbeteiligten Menschen. Eine Unrechtstat, die durch andere Unrechtstaten hervorgerufen wird; die Zerstörung der Häuser von Familien der vermuteten palästinensischen Selbstverteidigungs-Attentätern durch die Armee Israels. Künstler hat es zu jeder Zeit danach gedrängt, das Bild ihrer Zeit mit ihren Mitteln auszudrücken, darzustellen. Jedes Kunstwerk - mag es noch so in seiner Darstellung umstritten sein - ist eine frei zulässige Äußerung des Künstlers. Soweit sie wie jede andere Meinungsäußerung nicht den Tatbestand der Beleidigung - oder wie hier auch möglich - der Volksverhetzung erfüllt, ist sie in Deutschland nicht strafbar. Das, denke ich, wird in Schweden ebenso gesehen.

Frau Fania Oz-Salzberger hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 20.01.2004 die „Aufforderung, darüber nachzudenken, warum solche Dinge im Mittleren Osten geschehen", von sich gewiesen. Und Sie lehrt Geschichte in Haifa! Wie kann Geschichte gelehrt werden, wenn diese Aufforderung von der Lehre ausgeschlossen wird. Stattdessen bemüht Sie sich, zu verstehen, „warum eine Generation von Holocaust-Überlebenden nie versucht hat, sich in deutschen Bussen und Bierhallen in die Luft zu sprengen.“ Diese Zusammenhänge verstehe ich nun wirklich nicht.
Bei so viel Zynismus, den ich bereits kennen gelernt habe, bin ich geneigt, einen Vorschlag zu unterbreiten:
Frau Fania Oz-Salzberger, verlassen Sie Ihre so gegenwartsgebundenen historisch-politischen Dimensionen und denken Sie sozialer. Damit möchte ich an Ihre menschliche Verpflichtung gegenüber Ihrer eigenen Gesellschaft in Israel appellieren. Die zutreffende abgeklärte Bewertung der Geschichte aus der Dimension des Abstandes ist wohl in der emotionsgeladenen Gegenwart nicht möglich. Daher erachte ich die Analyse eines Soziologen für geeigneter, den Kern des Konflikts anhand seiner Auswirkungen sachlich zutreffender beurteilen zu können. ( siehe dazu NATAN SZNAIDER, Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv, in der FR vom 22.1.2004 ) (Anm. 8 )

Mit der Feststellung, „den derzeitigen Konflikt im Mittleren Osten in den Bereich des Genozids einzubeziehen“, denke ich, ist Frau Fania Oz-Salzberger dem Haupt-Problem ihres jungen Staates sehr nahe gekommen. Darum empfinde ich es als Zumutung, wenn die Regierung Israels die Forderung aufstellt, ihre Handlungsweise in Palästina dürfe auf der Konferenz zur Verhütung von Völkermord nicht zur Sprache kommen. (Anm. 9 )

Hagalil, das größte jüdische Internet-Portal, hat für die „Nichtbeachtung“ dieser Forderung auch eine durchaus „verständliche“ Erklärung. Zusagen seien dazu da, um nicht eingehalten zu werden. Hagalil verbietet sich eine ironische Fragestellung - und - stellt sie sich doch, ob Kriege für die Schweden eine Art Unterhaltung geworden sind, nachdem sie schon seit 200 Jahren keinen mehr geführt haben. So kann auch die seit einem halben Jahrhundert anhaltende Kriegsvernarrtheit eines jungen Staates dokumentiert werden. Dabei sollte sie doch der Rechtfertigung seines Botschafters dienen. ( Anm. 10 )

Es grenzt schon an Chuzpe, wenn die Regierung Israels die Bedingung an Schweden stellt, bei der Konferenz über den Genozid dürfen die Vorgänge in Palästina nicht auf das Programm gesetzt werden.
Dagegen hält Premier Sharon seine Anschuldigungen an Europa mit sehr drastischen Worten aufrecht, „in Europa würde der Antisemitismus grassieren“. Ich denke, daß bei der beständigen Ausdehnung der Besiedlung in Palästina der Regierung Israels sich ein weitaus bedrohlicherer Geist bemächtigt hat.

Die Regierung von Israel sollte der Angeklagte wegen ihrer Verstöße gegen die Menschenrechte und das Völkerrecht sein, nicht die Europäer. Stattdessen erhebt sich die Regierung von Israel zum Ankläger und die Europäer sollen schuldig des Antisemitismus sein.
Jetzt beabsichtigt sie sogar, Werbeagenturen damit zu beauftragen, ihre Auffassung zu den Vorgängen in Palästina in „Werbeslogans“ unter das Volk zu streuen? Die beauftragten Werbeagenturen sollen für den Trennzaun die Meinung in den USA und Europa gewinnen. Dazu denke ich, daß sich diese Werbeagenturen schuldig machen, für die Handlungen zu werben, die gegen die Menchenrechte und das Völkerrecht verstoßen. Damit dürfte sich jede Werbeagentur schuldig machen, diese Handlungen zu unterstützen, was nach dem Völkerrecht ebenso strafbar sein müßte.

Als „Gegenleistung“ für unsere Aufmerksamkeit, setzt jedoch die Regierung Israels ihre Anschuldigung fort, die Europäer als unverbesserliche Antisemiten bezeichnen. Dagegen denke ich, sieht ein Professor für Soziologie in Tel Aviv, Natan Sznaider, den Zusammenhang zwischen Kunst und Völkermord zutreffender. Er begibt sich sozusagen wie ein Spurenleser auf den folgerichtigen Weg von Ursache und Wirkung. ( Anm. 11 )

Dreinschlagen ist das Stichwort. Und dem steht Hilflosigkeit gegenüber. Israel schlägt mit seiner Armee zu, wenn sich Widerstand gegen die Besatzung rührt.
Das Volk der Palästinenser ist eine Volk ohne Armee und ohne Waffen. Wie kann sich ein Volk gegen einen Eindringling wehren, der mit den Soldaten seiner übermächtigen Armee angreift, die mit den modernsten Waffen ausgerüstet sind.

Die Emotionalität in der Tat von Botschafter Zvi Mazel zeugt davon, daß ein Punkt sehr genau getroffen worden sein muß. Dabei erinnere ich mich wieder, daß der Künstler ein Jude ist. Er muß mit der Mentalität seines Volkes sehr gut vertraut sein. Für mich hat es Bedeutung, wenn der Botschafter Israels in einem anderen Land, einem dorthin ausgewanderten Juden aus Israel die Verherrlichung des Völkermordes an Juden vorwirft.

Nun muß ich mir des Begriffs des Völkermordes bewußt werden, um selbst die Ungeheuerlichkeit in diesem Kunstverständnis deutlicher zu sehen. ( Anm. 12 )

In Artikel II heißt es nach der im Bundesgesetzblatt veröffentlichten deutschen Übersetzung:

» In dieser Konvention bedeutet Völkermord eine der folgenden Handlungen:
- Tötung von Mitgliedern der Gruppe;
- Verursachung von schwerem körperlichem oder seelischem Schaden an Mitgliedern der Gruppe;
- vorsätzliche Auferlegung von Lebensbedingungen für die Gruppe,
die geeignet sind, ihre körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen;
( ... ) Bei dieser Definition ist es bis heute geblieben. Sie wurde wortwörtlich in das Statut des Ständigen Internationalen Gerichtshofs übernommen. ( ... ) «

Dazu habe ich den folgenden Artikel gefunden, in dem dokumentiert wird, wie sich das Gewissen der Menschheit bereits in der Zeit der Sklaverei zu Wort gemeldet hat. Das Ende des Sklavenhandels erreichten moralische Außenseiter: Dank der konservativen Baptisten, Quäker und Methodisten wurde in England 1838 die Sklaverei abgeschafft. » Die Holländer folgten als letzte europäische Nation erst 1863 – nachdem England mit Sanktionen gedroht hatte. « So gab es schon vor der UN-Charta Sanktionen gegen die Verletzungen von Menschenrechten, die damals vor beinahe eineinhalb Jahrhunderten das Gewissen der Menschen aufriefen. ( Anm. 13 )

Bei diesem letzten Satz, daß die sogenannte Prädestination im Calvinismus dazu diente, die soziale Herabwürdigung sogenannter unterprivilegierter Völker als gottgewollt und folglich richtig dargestellt, zur Begründung der menschenverachtenden Handlungen heranzuziehen, muß ich unwillkürlich an den Vergleich von Finanzminister Netanjahu denken, der die Palästinenser auf die Stufe von Tieren stellte. Damit gibt er einen überraschenden Einblick in die geistigen Grundlagen für die jüdische Besiedlung in Palästina.

Wobei Baruch Kimmerling mit seinem Buch sehr deutlich wird, allerdings in der Kritik an dieser Besiedlung. Für seine neuen Thesen erfand Kimmerling einen Begriff - "Politizid", eine Abkürzung für "politischer Genozid". Der Untertitel seines neuen Werkes lautet: "Ariel Sharons Krieg gegen das palästinensische Volk".
» Mit Politizid meine ich einen Prozess, an dessen Ziel das Ende der Existenz des palästinensischen Volkes als soziale, politische und wirtschaftliche Größe steht. Dieser Prozess kann auch eine teilweise oder vollständige ethnische Säuberung des 'Landes Israel' beinhalten. « ( Anm. 14 )

Und dazu das Placet der Regierung Sharon?
Erstaunlich mit welcher Einmütigkeit sich die Regierung Sharon dem Kunstverständnis seines Botschafters in Schweden zuwendet und anschließt.
Nun sollte das zur Folge haben, daß die ganze Regierungsmannschaft Sharons - und er selbst - in das Schwedische Außenministerium geladen werden, um sich der Kunstaktion ihres Botschafters zu stellen.

Was in Israel bedauerlicherweise immer noch sehr zur Seite geschoben wird, ist die Tatsache, daß die schärfste Kritik an der Regierung Sharon von Juden selbst geübt wird.

Zum Beispiel Avi Primor, der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland. ( Anm. 15 )
Und die Friedensbewegungen in Israel. ( Anm. 16 )

Auf der folgenden Website wird die immense Investition Israels in seinen Siedlerkrieg in zwei Sätzen anschaulich beschrieben. http://israel-live.de/friedensbewegung/1.htm

» Jeder Siedler kostet den Staat eine halbe Million NIS im Jahr.
Jeder Schekel in die Siedlungspolitik ist ein Schekel gegen den Frieden ! «

Auch der Künstler in Schweden ist ein Jude, der dem Staat Israel 1973 den Rücken gekehrt hat. Mein Interesse gilt auch den Gründen, warum Dror Feiler dem jungen Staat Israel seine Ablehnung mit diesem Kunstwerk so demonstrativ ins Bild setzt.
Der Künstler Dror Feiler ist im Vorstand des schwedischen Vereins „Juden für einen israelisch-palästinensischen Frieden“ und organisiert mit seiner Frau Gunilla Aktionen gegen die Besatzungspolitik Israels. Also ein sogenannter Friedens-Aktivist. Und gerade er würde den Völkermord mit einem Kunstwerk verherrlichen?
Stattdessen hört man in der Presse Israels nur einhellige Entrüstung aus der gesamten Bevölkerung. Nun, gerade diese Einstimmigkeit kann ich mir im gesamten Israel nicht so recht vorstellen.

In Deutschland haben sich zahlreiche deutsch-israelische Freundschaftsvereinigungen etabliert. Bundesweit sind 48 Arbeitskreise der Deutsch Israelischen Gesellschaft tätig. Jedoch habe ich von ihnen noch nie ein Wort zur Politik Israels vernommen. Wie erfolgreich ist ihre Arbeit, wenn angeblich 65 v. H. von uns Deutschen doch unverbesserliche Antisemiten geblieben sein sollen. Bei mir entstehen dabei erhebliche Zweifel, sowohl an der Aufklärungsarbeit der Freundschaftsvereinigungen als auch an einer Zunahme des sogenannten Antisemitismus in Deutschland. Denn der Unwillen in der Kritik an Israel bezieht sich überwiegend auf seine fortgesetzte Besiedlung entgegen den Bestimmungen der UN-Charta in Palästina und hat mit Antisemitismus nichts gemein.

Das Viereck mit dem roten Wasser hat mich an eine andere Überschrift erinnert. An die Film-Dokumentation „Blut für Wasser“ von Dr. Rolf Pflücke, die 2003 erstmals in Deutschland im ZDF ausgestrahlt worden ist.
Israel nimmt sich nicht nur das Land der Palästinenser sondern es kämpft um das Wasser und dazu „schickt es seine Siedler voraus“ und für deren „Schutz“ scheut es in der Folge keine Anstrengungen.
Denn von den zwei Milliarden Kubikmetern Wasser, die Israel jährlich verbraucht, stammt nur ein gutes Drittel aus dem eigenen Territorium. Vor kurzem schloß Israel mit der Türkei einen zehnjährigen Kauf- und Liefervertrag von türkischem Süßwasser ab. Erstmals wird der Rohstoff Wasser zwischenstaatlich kommerziell gehandelt. Bei diesem Vertrag hat Israel das Wasser zu einem "strategischen Gut" deklariert. Mit demselben Kostenaufwand könnte das Land eigentlich Trinkwasser aus seinen Meerentsalzungsanlagen gewinnen.
Israel schöpft seit seiner Staatsgründung vor 54 Jahren aus dem Vollen, obwohl jedes Jahr rund 500 Millionen Kubikmeter Wasser fehlen: öffentliche Parks werden täglich besprenkelt, Swimmingpool-Wasser erneuert, Autos gewaschen, und zwei Duschen täglich sind so selbstverständlich. ( Anm. 17 )

Von der Website von Arte.de zum World-Water-Report
http://www.arte-tv.com/dossier/archive.jsp?refresh=false&node=286733&lang=de
» ( ... ) Bereits vor 4.500 Jahren bekämpften sich im Zweistromland die Stadtstaaten Lagash und Gumma wegen des kostbaren Wassers des Tigris...und aktuelle Konflikte scheinen die Wahrscheinlichkeit von künftigen Auseinandersetzungen zu bestätigen: Die Ableitung des Quellwassers des Jordan nach Syrien und Jordanien war ein Grund für den Sechs-Tage-Krieg ( ... ) Vor allem für Israel ist die Wasserlage von sicherheitspolitischer Bedeutung ( ... ) Der etwa 330 km lange Jordan entspringt mit seinen Nebenflüssen in Syrien, Israel und dem Libanon. Er wird aus verschiedenen Quellen, wobei die wichtigste die Dan-Quelle in Israel ist. Der Nebenfluss Hisbani entspringt im Libanon, auf den von Israel 1967 im Sechs-Tage-Krieg besetzten syrischen Golan-Höhen. Der obere Jordan mündet in den See Genezareth, der das Hauptwasserreservoir des gesamten Jordanbeckens ist und Israels Wasserbedarf zu ca. 25-30% deckt. ( ... ) «

Das Kuntswerk trägt den Titel "Schneewittchen und der Wahnsinn der Wahrheit".
Wenn es nun doch die Wahrheit wäre, daß die dem Kunstwerk unterstellte Verherrlichung auf die Regierung des tatkräftigen Botschafters zurückfiele? Das wäre ein ganz anderer Wahnsinn. Und der wäre von noch niemandem entdeckt worden?
Haben wir in Europa bisher eine Wahrheit übersehen, die uns nur noch die Kunst mit ihren Mitteln vor die Augen stellen kann? Hat dafür jedoch nur der Botschafter Israels in Schweden einen Blick gehabt? Dann müßten wir ihm allerdings dafür dankbar sein!

Ein jüdischer Emmigrant aus Weißrussland hatte ein zweites Boot aufs Wasser gesetzt, samt Foto des mutmaßlichen Mörders von Schwedens Außenministerin Anna Lindh. Nun warte ich auf den jüdischen Installations-Künstler, der das nächste weiße Schiff mit der Fahne Israels und dem Foto von Jigal Amir, dem Mörder von Izhak Rabin am 4. November 1995, in das blutrote Meer stechen läßt.
( Anm. 18 )
So könnte sich die Aktion "Schneewittchen und der Wahnsinn der Wahrheit" fortsetzen - bis sich alle „Aktionisten“ an der „Mauer der Vernunft“ die Köpfe gemeinsam anstoßen. Und uns der israelische Botschafter, Zvi Mazel, der Glückliche, mit seiner Mahnung vor der "obszönen Falschdarstellung der Wirklichkeit" bis dahin begleitet. Vielleicht aber genügen schon drei Schiffe, wie die „Nina“, die „Pinta“ und die „Santa Maria“ von Christobal Kolumbus, um einen neuen Kontinent der Vernunft zu entdecken. Spöttische Historiker könnten nun Zweifel anmelden, ob sich dieser gemeinte Kontinent seit 1492 wirklich zur Wiege der Vernunft entwickelt hat.

Mit herzlichen Grüßen !

Ihr

Heinz Kobald

____________________________________________________________________________________
Anmerkungen:

1 )
Zitat aus SZ vom 19. Januar 2004 Israels Botschafter in Stockholm versucht, ein Kunstwerk zu zerstören
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/78/25053/
» Zvi Mazel ist es ( ... ) in Israel gelungen, zu einem Helden zu avancieren. Zeitungen, Radio und Fernsehen berichten fast ausnahmslos voller Bewunderung über Israels Botschafter in Stockholm. «

2 )
Aus der Buchvorstellung von Khosrow Nosratian zu „Vernunft im Zeichen des Fremden“. Zur Philosophie von Bernhard Waldenfels, ( DLF, 24.09.2001 ): http://www.dradio.de/dlf/sendungen/politischeliteratur/131391/
» Bernhard Waldenfels, Jahrgang 1934, war an der Ruhruniversität in Bochum Professor der Philosophie, er ist ein Grenzgänger seines Faches. Waldenfels hat sich mit der Phänomenologie beschäftigt, einer Philosophie, die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus zum Schweigen gebracht oder diskreditiert worden war. ( ... ) Sein hierzulande bekanntestes Werk ist die 1983 bei Suhrkamp erschienene Studie 'Phänomenologie in Frankreich'. Mit einiger Verspätung wurde dem Emeritus nun in diesem Jahr ( 2001 ) eine Festschrift zum 65. Geburtstag gewidmet, die ebenfalls bei Suhrkamp erschien. Nicht zufällig heißt sie 'Vernunft im Zeichen des Fremden', an den Titel seiner 'Studie zur Phänomenologie des Fremden' ' erinnernd. ( ... ) um Waldenfels' Philosophie auf den Begriff zu bringen. Dabei hat der Geehrte selbst ( ... ) einen sachdienlichen Hinweis gegeben: An den Grenzen der vertrauten Welt lauert Unbekanntes und Unverfügbares, das uns verlockt und bedroht, und beides oft in einer delikaten Mischung aus Überraschendem und Übermächtigem. Waldenfels' Phänomenologie der Fremdheit hat sich einem Ethos der Sinne verschrieben, das Sinn und Sinnlichkeit verschränkt. Das Fremde soll zur Aussprache seines eigentümlichen Sinnes kommen, das originär Unzugängliche aus sich selbst heraus erschlossen werden. «

3 )
Zitat aus der SZ:
» Mazel verteidigt sich so: „Ich stand vor einer Monstrosität, einer obszönen Verzerrung der Realität, vor einem Werk, das den Völkermord an meinen Brüdern und Schwestern rechtfertigt.“ «

4 )
Aus der Besprechung von Jasper Barenberg zum Buch von Tom Segev:
Die moderne israelische Gesellschaft. (
DLF - 14.7.2003 - Politische Literatur )
» Seit gut einem Jahrzehnt stellt eine neue Generation israelischer Historiker bisherige Vorstellungen über die Anfänge und das Selbstverständnis des jüdischen Staates in Frage. Diese so genannten "neuen Historiker" schreiben nicht über den Erfolg der zionistischen Bewegung, sondern über ihren Preis, über ihre Versäumnisse. Diese Analysen zur Phase der Staatsgründung, zu Flucht und Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung und zu den Wurzeln des Nahost-Konflikts stellen das in Israel vorherrschende Selbstbild - das der Friedenstaube umringt von mörderischen Nachbarn - infrage. ( ... ) Sie wiesen auf Makel in der eigenen Vergangenheit, auf die folgenreichen Schattenseiten der Staatsgründung. Und sensibilisierten dadurch etwa für die lange vernachlässigte Gleichstellung zwischen den jüdischen und den nicht-jüdischen Bürgern Israels. ( ... ) Denn die Reaktion der Israelis auf die Eskalation der gegenseitigen Gewalt seit Ausbruch der zweiten Intifada wertet er als "Rückfall in die Mentalität eines belagerten Stammes". ( ... ) «

5 )
Bernard Wasserstein: Israel und Palästina. Warum kämpfen sie und wie können sie aufhören.
( DLF - 27.10.2003 - Politische Literatur )
» ( ... ) Im Nahen Osten werden Meinungen gerne für Tatsachen gehalten und politische Vorgänge oft über Gebühr emotionalisiert. ( ... ) Weil sie schon so viel gelitten hätten, könnten sie nicht aufhören zu kämpfen, ist von palästinensischer Seite zu hören. Israelis bemühen das alte Trauma der Verfolgung. Noch immer gehe es den Palästinensern darum, den jüdischen Staat von der Landkarte zu wischen. ( ... ) «

6 )
aus NZZ Online, 19. Januar 2004, 19:14,
Schweden protestiert gegen Kunstattacke von Israels Botschafter - Mazel bereut sein Verhalten nicht
http://www.nzz.ch/2004/01/19/al/page-newzzDPMU23CY-12.html

» Der israelische Aussenminister Shalom hielt Schweden vor, pro-palästinensisch zu sein. «Stellen Sie sich einmal vor, was passiert wäre, wenn wir dasselbe getan hätten und den Mörder von Aussenministerin Anna Lindh verherrlicht hätten», sagte er in Jerusalem. «

Zitat aus SZ 19. Januar 2004 Israels Botschafter rechtfertigt Übergriff auf Kunstwerk
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/114/25089/
» Mazel betrachtet das Kunstwerk nach eigenen Worten als unzulässige Verklärung palästinensischer Selbstmordattentäter. «

7 )
Zitat aus Frankfurter Rundschau online vom 19.01.2004 Israels Botschafter beschädigt Kunstwerk
http://www.fr-aktuell.de /uebersicht/alle_dossiers/politik_ausland/der_nahost_konflikt/?cnt=373116
» Der Botschafter warf einen der Scheinwerfer in das Becken und löste so einen Kurzschluss aus. Die "widerwärtige Installation" rufe zum "Genozid am jüdischen Volk" auf. «

8 )
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.2004, Nr. 16, S. 33
Blut und Drähte - Der Stockholmer Kunstskandal
Von Fania Oz-Salzberger - Die Verfasserin lehrt Geschichte in Haifa.

» Mein Botschafter in Schweden, Zvi Mazel, hat sich am vergangenen Wochenende ziemlich undiplomatisch verhalten. ( ... ) Mein Botschafter hat eine Linie überschritten, die nicht überschritten werden sollte. ( ... ) Mein Botschafter hätte seine Hände in der Tasche lassen sollen, die Nägel schmerzhaft in die Haut gegraben, wie es viele von uns tun, wenn wir diese Art von politischen Kommentaren in Gestalt von Kunstwerken betrachten.
( ... ) , nur weil einer der Künstler, Dror Feiler, ( ... ) , den Medien erzählt haben, das Kunstwerk sei "eine Aufforderung, darüber nachzudenken, warum solche Dinge im Mittleren Osten geschehen". Dies ist eine der üblichen widerwärtigen Deckbehauptungen für: "Versuchen wir zu verstehen, was diese junge und gutaussehende Mörderin aus Ramallah dazu gebracht hat, sich selbst in unmittelbarer Nähe von möglichst vielen Schulkindern, die am Samstag in einem Restaurant im zionistischen Haifa Mittag essen, in die Luft zu jagen." ( ... ) möchte ich lieber verstehen, warum eine Generation von Holocaust-Überlebenden nie versucht hat, sich in deutschen Bussen und Bierhallen in die Luft zu sprengen. ( ... ) «

9 )
Zitat von Fania Oz-Salzberger
» Europäische Amtsträger und Kuratoren, die darauf bestehen, den derzeitigen Konflikt im Mittleren Osten in den Bereich des Genozids einzubeziehen - sollten sie nicht ihre elektrischen Drähte neu wickeln lassen? «

10 )
aus hagalil.com 20-01-2004
Botschafter zieht den Stecker: Diplomatischer Skandal zwischen Israel und Schweden
Eine Installation sorgt für Aufruhr
» Im Museum der Armee (ein Museum gibt es, obwohl Schweden seit 200 Jahren an keinem Krieg teilgenommen hat) wird die Frage gestellt werden, wie der Frieden die Schweden beeinflusst hat. Wurden sie empfindlicher? Sehen sie Konflikte und Kriege als eine Art Unterhaltung an?
Schade, dass wir uns eine solche Frage nicht stellen können. Im Verlauf der Vorbereitungen zu der Konferenz bat Israel die Schweden, den israelisch-palästinensischen Konflikt dort nicht zu behandeln. Die Schweden, aus welchem Grund auch immer, stimmten zu. Wenn die Version des Außenministeriums in Jerusalem stimmt, dann haben die Schweden mit der Aufnahme des Ausstellungsstücks von Dror Feiler gegen eine Abmachung verstoßen. Zu ihrer Verteidigung können sie sagen, dass diese Abmachung dazu bestimmt ist, gebrochen zu werden: es gibt heute in Westeuropa keinen Weg, über Menschenrechte zu sprechen, ohne an den israelisch-palästinensischen Konflikt in den Gebieten zu erinnern. «

11 )
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004, Erscheinungsdatum 22.01.2004 ( ... )
Allen Friedensinitiativen zum Trotz regiert im Nahen Osten derzeit die große Stagnation
VON NATAN SZNAIDER - Der Autor ist Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv.

» Ende Januar soll in Stockholm eine Konferenz über die "Verhinderung von Völkermord" stattfinden. Der Beginn ist nicht willkürlich gewählt: Der 28. Januar, der an die Befreiung von Auschwitz erinnert, soll zum gesamteuropäischen Gedenken gegen Völkermord aufrufen. ( ... ) Der Künstler wollte mit seiner Installation den Kreislauf der Gewalt darstellen, er wollte zeigen, dass verzweifelte Menschen, wenn sie keinen Grund mehr zum Leben sehen, zu solchen Taten fähig sind. Damit wurde der europäische Blick auf Israel dargestellt- in künstlerischer Form: Terror als Folge der Besatzung - und nicht umgekehrt, wie es der israelischen Perspektive entsprechen würde. ( ... ) In Israel wurde Mazel als neuer Held gefeiert, als jemand, der sich der europäischen Tendenz entgegenstellt, die Holocausterinnerung auf den Nahen Osten zu projizieren mit neuen Rollen: die Israelis als Täter, die Palästinenser als Opfer. «

12 )
Aus der Besprechung von Horst Meier zum Buch „Genozid im Völkerrecht“ von William A. Schabas:
( DLF - 8.12.2003 - Politische Literatur )

» ( ... ) Crime against Humanity, das Verbrechen gegen die Menschheit, wird im Deutschen, seit es diesen Terminus gibt, auch in der juristischen Fachliteratur nahezu immer falsch als Verbrechen gegen die Menschlichkeit übersetzt. ( ... ) Das Verbrechen gegen die Menschheit, der Völkermord und der Angriffskrieg waren Anklagepunkte im Kriegsverbrecherprozess der Alliierten in Nürnberg. Dass sich Naziführung und Wehrmacht und ihre Millionen Mittäter und Mitläufer unmenschlich verhalten hatten, das musste man akzeptieren, aber dass sie sich gegen die Menschheit gestellt, außerhalb der zivilisierten Welt befanden, das wollte man, wie Hannah Arendt meinte, nicht hören.
Crime against Humanity bezeichnet ein Verbrechen, dass die Grundregeln des Zusammenlebens der Menschheit verletzt, also etwa den Versuch, einem ganzen Volk das Lebensrecht abzusprechen. Für den Mord an den europäischen Juden hat der polnische Jurist Raphael Lemkin 1944 den Begriff des Genozids geprägt. Seit diesem Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Menschheit versuchen Juristen Gesetze zu formulieren, die diesen Straftatbestand genau fassen und es möglich machen, ihn zu bestrafen. Aber was ist ein Völkermord? Zählen Vertreibungen, bei denen viele Tote in Kauf genommen werden, die so genannten ethnischen Säuberungen, dazu? ( ... )
Der Begriff "Genozid", von Raphael Lemkin geprägt, ist eine Kombination aus dem altgriechischen "genos", das soviel wie "Rasse, Volk, Stamm" bedeutet, und dem lateinischen caedere, das "töten" meint. Die Wortschöpfung "Genozid" bündelt ein Verbrechen, das zwar regelmäßig mit herkömmlichen Tatbeständen wie Mord, Raub oder Vergewaltigung einhergeht, damit aber nicht hinreichend erfasst werden kann. Denn diese Tatbestände bezeichnen nur Teilaspekte eines systematischen Vernichtungsfeldzugs. Völkermord wird, so die Konvention, "in der Absicht begangen, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören". Doch was versteht man konkret darunter? «

13 )
aus SZ vom 14. Januar 2004
Die schwarze Seite der Geschichte - Niederländisches Institut erforscht Geschichte der Sklaverei
» Gerade rechtzeitig zum eben begonnen Unesco-Jahr der Sklaverei präsentiert sich das neu gegründete „Niederländische Institut für Sklavereivergangenheit und -erbe“ (Ninsee) der Öffentlichkeit. ( ... ) Der Holländer Laurens Gorevord erhielt bereits 1517 von Kaiser Karl V. das exklusive Recht, afrikanische Sklaven an die spanischen Kolonien zu verkaufen. Dieses Datum gilt als Beginn der „Maafa“, wie der afrikanische Holocaust genannt wird. Das Ende des Sklavenhandels und später der Sklavereiwirtschaft bewirkten nicht aufklärerische Liberale, sondern moralisch sensibilisierte Außenseiter: die Abolitionisten. Dank dieser konservativen Christen – Baptisten, Quäker und Methodisten – wurde in England und Jamaika 1838 die Sklaverei abgeschafft. Die Holländer folgten als letzte europäische Nation erst 1863 – nachdem England mit Sanktionen gedroht hatte. Dass sich der Menschenhandel trotz Aufklärung so lange halten konnte, hat auch mit der Prädestinationslehre des Calvinismus zu tun, mit der die Holländer ihre Apartheidspolitik verteidigten und nach der die soziale Herabwürdigung unterprivilegierter Völker gottgewollt und folglich gut sei. ( ... ) «

14 )
Baruch Kimmerling: Politizid. Ariel Sharons Verbrechen gegen das palästinensische Volk
( DLF - 1.9.2003 - Politische Literatur )
» Der israelische Soziologe Baruch Kimmerling schöpft gern neue Begriffe, um seine zukunftsweisenden Thesen zu formulieren. So nannte er seine Studie über die israelische Gesellschaft des Jahres 2001 "Das Ende der Achusalim-Herrschaft". Achusalim steht für Ashkenasi (europäischstämmige), säkulare, alteingesessene und sozialistische Zionisten, zu denen sich auch der renommierte Soziologe an der Hebräischen Universität zählt.
In seiner Studie schlug Kimmerling einen israelischen Rückzug aus den besetzten Gebieten vor und eine Wandlung Israels von einem jüdischen zu einem binationalen Staat ähnlich wie Belgien oder Kanada.
Er forderte sogar die Annullierung des Rückkehrgesetzes, das jedem Juden die Einwanderung nach Israel ermöglicht. Und er verlangte die Integration und Einbürgerung palästinensischer Flüchtlinge in Israel im Rahmen von Familienzusammenführungen. Mit diesen Thesen positionierte er sich außerhalb des zionistischen Konsens.
Auch für seine neuen, bahnbrechenden Thesen erfand Kimmerling einen Begriff - "Politizid", eine Abkürzung für "politischer Genozid". Der Untertitel seines neuen Werkes lautet: "Ariel Sharons Krieg gegen das palästinensische Volk".
» Mit Politizid meine ich einen Prozess, an dessen Ziel das Ende der Existenz des palästinensischen Volkes als soziale, politische und wirtschaftliche Größe steht. Dieser Prozess kann auch eine teilweise oder vollständige ethnische Säuberung des 'Landes Israel' beinhalten. Diese Politik wird das Wesen der israelischen Gesellschaft unausweichlich zerstören und die moralische Basis des jüdischen Staates im Nahen Osten untergraben. So gesehen wird das Ergebnis ein doppelter Politizid sein - das Ende der Palästinenser, aber auf lange Sicht auch das Ende der jüdischen Gemeinschaft. «
» Der Politizid an den Palästinensern, so Kimmerling in seiner Anklageschrift, wird unter anderem durch Mord, lokal begrenzte Massaker, Eliminierung der Führung und der intellektuellen Elite sowie künstlich erzeugte Hungersnöte realisiert, und zwar nicht nur durch Sharon. Vielmehr begann dieser Prozess bereits vor über hundert Jahren mit der Einwanderung der ersten Zionisten nach Palästina im Jahre 1882. ( ... ) «

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DIE ZEIT vom 08.01.2004, Nr.3
Die Genfer Hoffnung - Israels Bevölkerung ist bereit für einen neuen Friedensplan. Aber sie braucht Unterstützung aus Europa - Von Avi Primor

Die Welt, Artikel erschienen am 9. Jan 2004
"Wir müssen alle auf unsere Träume verzichten" Primor antwortet auf Barghouthi:
Der Weg zum Frieden ist bekannt, es müssen nur noch mutige Menschen auf beiden Seiten ihn auch gehen.
von Avi Primor

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chalom Achschav (Frieden Jetzt), ist die größte Friedensbewegung in Israel. Gegründet 1978 von 348 israelischen Reserveoffizieren, wandte sich Frieden Jetzt zunächst gegen den „schmutzigen Libanonkrieg“. Dieser Feldzug war in den Augen vieler Israelis unehrenhaft, weil er nicht der Landesverteidigung diente. Auch die Besetzung der Westbank und des Gazastreifens gilt den Frieden-Jetzt-Aktivisten als unehrenhaft.

Gusch Schalom (Friedensblock), ist eine Gründung des israelischen Publizisten Uri Avneri. Avneri, Ex-Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Ha’olam Hasé, zwischen 1965 und 1981 Parlamentsabgeordneter, gründete bereits 1975 einen israelisch-palästinensischen Friedensrat. 1982 traf er sich als erster Israeli überhaupt mit Jassir Arafat in Beirut, das damals von der israelischen Armee belagert war.
Bis heute konfrontiert diese Gruppe die israelische Gesellschaft mit unangenehmen Wahrheiten über die Besatzungspolitik und gilt daher den meisten Friedensbewegten als zu radikal. http://www.gush-shalom.org/english/index.html

Bat Schalom (Töchter des Friedens) ist eine israelische Gruppe von Feministinnen, die den engen Kontakt zu palästinensischen Frauengruppen suchen. Seit 1994 hat sich Bat Schalom mit palästinensischen Frauenrechtlerinnen vom Jerusalemer Frauenzentrum (Jerusalem Center for Women) zusammengeschlossen.
Die Aktivistinnen beider Seiten halten regelmäßig Mahnwachen in Jerusalem. Dann treten sie als Women in Black (Frauen in Schwarz) auf. http://www.batshalom.org./
Yesch Gvul (Es gibt eine Grenze) unterstützt israelische Soldaten, die den Kriegsdienst in den besetzten Gebieten verweigern. http://www.yesh-gvul.org/german/
Ta’ajusch (Zusammenleben) ist die erste jüdisch-palästinensische Friedensbewegung Israels. Vor einem Jahr gegründet, hat Ta’ajusch bislang Lebensmitteltransporte in abgeriegelte Palästinenserdörfer organisiert, palästinensische Bauern vor der Vertreibung durch die israelische Armee bewahrt und Straßensperren zu räumen versucht. Ta’ajusch konzentriert sich auf praktische Hilfen.
Die israelische Menschenrechtsorganisation B’zelem dokumentiert auf dieser Seite die menschliche Katastrophe des Nahostkonfliktes. http://www.btselem.org/

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aus der Film-Dokumentation „Blut für Wasser“ 44 Min
von © Dr. Rolf Pflücke, Deutschland 2003, Erstausstrahlung, ZDF
» Der Film führt vom Oberlauf des Jordan über den See Genezareth - Israels "Wassertank" - zu den dauerberieselten Feldern der Kibuzzim. Dort werden mit unglaublicher Wasserverschwendung Grapefruits gezüchtet, die weit billiger importiert werden könnten. Im Westjordanland stehen sich palästinensische Bauern und jüdische Siedler im Streit ums tägliche Wasser unversöhnlich gegenüber. In der von Trockenheit und Wüstenbildung bedrohten Region leben 13 Millionen Menschen; das Frischwasser reicht aber nur für fünf Millionen.
Während sich Israel im Friedensvertrag mit Jordanien 1994 zu einem Kompromiss in der Frage der Wassernutzung durchrang, streitet es mit den Palästinensern gleichsam um jeden Tropfen. ( ... )
In Ein Boqeq am Toten Meer und am Rand der Wüste schießen Hoteltürme in den Himmel, in deren Lobbys Touristen zwischen Kaskaden und Pools flanieren. In Bethlehem dürsten gleichzeitig Kinder, warten Palästinenserinnen geduldig auf Zisternenwagen, die das tägliche Frischwasser verkaufen.
Israelische Wissenschaftler warnen vor den Folgen dieser verhängnisvollen Verteilungspolitik. Denn von den zwei Milliarden Kubikmetern Wasser, die Israel jährlich verbraucht, stammt nur ein gutes Drittel aus dem eigenen Territorium. ( ... ) Vor kurzem wurde die "Allianz von Demokratien" (Sharon) durch einen zehnjährigen Kauf- und Liefervertrag von türkischem Süßwasser gefestigt. ( ... ) Erstmals wird der Rohstoff Wasser zwischenstaatlich kommerziell gehandelt. Die Türkei bezeichnet diese Maßnahme als "Friedensbrücke", Israel hat das Wasser als "strategisches Gut" deklariert. ( ... ) Mit demselben Kostenaufwand könnte das Land eigentlich Trinkwasser aus seinen Meerentsalzungsanlagen gewinnen. «

aus SZ vom 10. Juli 2002
Kampf um das knappste Gut im Nahen Osten - Der See Genezareth schrumpft und der Jordan wird zum Rinnsal / Am Quell der Gefahr - am Streit um das Wasser entzünden sich neue Konflikte
» ( ... ) 40 Prozent des Trinkwassers in Israel kommen aus dem See Genezareth, der vom Jordan-Fluss gespeist wird. Er ist die Hauptwasserader Israels, der Palästinensergebiete und Jordaniens. Seit dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 kontrolliert Israel den Fluss nahezu vollständig. Am Nordufer fließt das Flusswasser, das über den Höhenzug der ebenfalls im Sechs-Tage-Krieg eroberten Golan-Höhen kommt, in den See, am südlichen Ende setzt der Fluss seinen Weg entlang der Grenze zu Jordanien fort – als ein Bächlein. Ein Sprecher von Mekorot, der staatlichen Wassergesellschaft, beschreibt die Lage in einem einzigen Wort: „Katastrophal.“ In den regenfreien Sommermonaten verdunsten jeden Tag mehrere hunderttausend Kubikmeter Wasser, so dass der Pegel alle 24 Stunden um einen Zentimeter sinkt und der Salzgehalt steigt, da am Boden kleine Salzquellen liegen. ( ... ) Jahrein, jahraus malen die wenigen Umweltschützer, die es in Israel gibt, eine düstere Zukunft des Landes, das vor lauter Krieg mit den Palästinensern die Hauptsorge außer Acht lasse: dass die Region in ein paar Jahren auf dem Trockenen liegen werde. ( ... ) Doch die Rufe zur Wahrung des kostbaren Guts verhallten bislang ungehört. Israel schöpft seit seiner Staatsgründung vor 54 Jahren aus dem Vollen, obwohl jedes Jahr rund 500 Millionen Kubikmeter Wasser fehlen: öffentliche Parks werden täglich besprenkelt, Swimmingpool-Wasser erneuert, Autos gewaschen, und zwei Duschen täglich sind so selbstverständlich wie das Ignorieren der spärlichen
Aufrufe der Regierung, beim Zähneputzen das Wasser nicht laufen zu lassen und auf den Toiletten den Kurzspülknopf zu betätigen. Zudem ist Israel die autonome Versorgung der Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Produkten wichtig. So erklärt sich der wasserintensive Anbau von Tomaten, Melonen, Bananen; für die Bauern wird der Wasserpreis künstlich niedrig gehalten.
Zwar ist Israel von Mittelmeer und Rotem Meer umgeben, aber noch jede Regierung hat sich bislang gescheut, die Wasserversorgung auf Meerentsalzungsanlagen umzustellen. Die Errichtung und Unterhaltung der Anlagen ist so kostspielig, dass der Wasserpreis sprunghaft in die Höhe stiege – mit dieser unpopulären Maßnahme möchte kein Premierminister seine Wählergunst schmälern, zumal in einem Land mit vielen europäischen Einwanderern, die ihre grünen Vorgärten als Ausdruck ihrer Herkunft erhalten möchten.
Absurderweise exportiert Israel ausgefeilteste Wasserentsalzungs- Technologie, gönnt sich selbst aber nur eine solche Anlage im Badeort Eilat, wo sie 80 Prozent des Bedarfs deckt.
Israelis in der Küstenregion und jüdische Siedler in Westjordanland verbrauchen täglich rund 350 Liter frisches Trinkwasser – ein durchschnittlicher palästinensischer Haushalt dagegen nur etwa 60 Liter.
Die amerikanische Entwicklungshilfeorgansiation USAID nennt als Minimum für den täglichen Bedarf 100 Liter. ( ... ) «

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Die Welt, Artikel erschienen am 19. Jan 2004, Ein Schiff provoziert Israels Botschafter
» Am Samstag war die Installation "ergänzt" worden. Ein jüdischer Emmigrant aus Weißrussland hatte ein zweites Boot aufs Wasser gesetzt, samt Foto des mutmaßlichen Mörders von Schwedens Außenministerin Anna Lindh. «